Motivation der Unternehmen für Ausspähaktionen

11.02.2009 von Christine Rosenboom

Wenn man sich die im vorigen Artikel angeführten Beispiele ansieht, erkennt man sofort, dass die Hauptmotivation für die Ausspähung von Mitarbeiter-E-Mails durch Unternehmen nicht ein „Verdacht auf Geheimnisverrat” sein kann. Ziele solcher Aktionen sind hauptsächlich Gewerkschafter, Betriebsräte und Mitarbeiter, die sich für ihre Rechte und ihre Meinungen einsetzen. Häufig handelt es sich um Situationen, in denen Arbeitnehmer um Ihren Arbeitsplatz und damit um ihre Existenzgrundlage oder um ihre Rechte kämpfen müssen. Das hat nichts mit Betriebsgeheimnissen zu tun.

Die Behauptung, durch das Sichten von dienstlichen E-Mails herausfinden zu wollen, wer Geheimnisse an die Konkurrenz verraten hat, ist ein schwaches Argument. Würde der Betreffende wirklich eine E-Mail mit einem geheimen Dokument im Attachment direkt von Nokia aus an Huawei schicken? Oder würde er nicht eher das Dokument auf einem Memorystick abspeichern und die Datei von außerhalb der Firma an die Konkurrenz weitergeben? Letzteres könnte, wie jeder weiß, nicht nachvollzogen werden.

Es geht also wohl weniger um das Aufdecken eines Geheimnisverrates, sondern vielmehr zunächst einmal darum, herauszufinden, wer nicht ganz auf Linie mit dem Management ist, zu wem er Verbindungen hat, wer mit dem Betriebsrat in Kontakt steht und wer in einem möglichen Arbeitskampf die Rädelsführer sind.

Die Argumentation, ich habe nichts zu verbergen, schließlich schreibe ich keine privaten E-Mails in der Firma, steht auf schwachen Füßen. Es kann sehr wohl nötig sein (und das ist auch erlaubt), dass ein Mitarbeiter eine E-Mail an den Betriebsrat oder die Schwerbehindertenvertretung schickt. Solche E-Mails sind vertraulich und gehen den Arbeitgeber nichts an – weder ihr Inhalt noch, dass sie überhaupt geschickt wurden. E-Mailverkehr mit der Personalabteilung, dem Betriebsarzt oder vielleicht dem Compliance-Büro darf auch nicht in falsche Hände geraten.

Es gibt auch überhaupt keinen Grund, warum das Unternehmen selbst die E-Mails überprüfen sollte. Liegt ein begründeter Verdacht auf Geheimnisverrat vor, steht es der Firma frei, die Staatsanwaltschaft einzuschalten, die die Untersuchung auf legalem Weg vornehmen kann.


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