Zivilcourage: Der Anfang …

18.02.2009 von Inken Wanzek

Wenn man – wie gestern – zusammensitzt, um über Zivilcourage in unserer Gesellschaft zu reden, stellt man drei Dinge fest: Betroffenheit, die sich in dem Gefühl äußert, man müsste, man muss etwas tun, der Wille, etwas tun zu wollen und – was für mich am Bedeutensten erschien – eine gewisse Hilflosigkeit der Frage gegenüber:  “Was kann man – ich – eigentlich tun, angesichts der großen und vielschichtigen Probleme?”, die bei der Angst um den eigenen Arbeitsplatz beginnen und bei der Frage “Funktioniert unser Wirtschaftssystem überhaupt noch?” endet.

Deswegen schreib ich heute und vielleicht auch in nächster Zeit über diese Frage und verbinde die Antwort mit dem Schlagwort ” Zivilcourage”.

Beginnen möchte ich mit einer einfachen Beobachtung. Oft, sehr oft, eigentlich immer, sagt ein Mensch, der über die Probleme unserer Gesellschaft spricht: “Was kann man tun?”, “Warum tun die Politiker, die Gewerkschaften, die Kirchen, der Betriebsrat, Verein x oder y nichts? Sie sollten doch …”

Was fällt dabei auf? Mit Hilfe des unpersönlichen Wortes “man”, wird als erstes die Verantwortung für die Lösung eines Problems von sich weggeschoben. Doch kann ein Problem gelöst werden, wenn alle sagen “man” und damit die anderen meinen? Wer bleibt dann übrig, um ein Problem anzugehen? Ein paar Idealisten, die man herbeisehnt, ein paar trottelige Menschen, die sich für die anderen, die sich hinter “man” verstecken, aufreiben? Glücklicherweise gibt es diese trotteligen Menschen immer wieder in unserer Gesellschaft. Ohne sie, ich mag mir nicht vorstellen, wo wir dann wären.

Wie anders klingt die Frage: “Was kann ich tun?”, “Warum tue ich nichts? Ich sollte doch …” Ich denke, jeder spürt den Unterschied in der Fragestellung.  Die Frage, so formuliert, drängt mich plötzlich, nicht den anderen, darüber nachzudenken: Was kann ich? Was weiß ich? Wo kann ich mich einbringen? Wem kann ich helfen?  Welche Zeit bin ich bereit, dafür zur Verfügung zustellen? Tue ich vielleicht deshalb nichts, weil mir der Mut fehlt, oder weil ich einfach zu träge bin, es mir zu mühsam ist, die vielen kleinen Schritte zu gehen? Will ich mich überhaupt gesellschaftlich engagieren, oder geht es mir nur, um die Lösung meines aktuellen Problems?

Die Antwort auf diese Fragen, die nur jeder sich selbst geben kann, konkretisiert das “Ich sollte doch …”.

Es gehört Mut, Zivilcourage, dazu, sich – nicht den anderen – diese und andere Fragen mal ernsthaft zu stellen und sie ehrlich, ganz ehrlich zu beantworten.

Allerdings warne ich davor, es könnte sein, dass man dann in sich tatsächlich einen Anfang für die Lösung der Frage “Was kann man – ich – eigentlich tun, angesichts der großen und vielschichtigen Probleme?” findet. Und dann, liebe Leserinnen und Leser, könnte es sein, dass einen das nicht mehr los lässt.

“Du sollst nicht essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen”, steht schon in der Bibel. Den Menschen zeichnete es aus, dass er das Verbot übertrat. Er sah es nicht ein. Er konnte der Erkenntnis nicht widerstehen. Er wollte wissen, was hinter dem Verbot versteckt ist. Der Biss in den Apfel, ließ ihn erkennen, dass die Welt anders aussah, als er in seinem kleinen beschaulichen Paradies dachte. Sein nun vorhandenes Wissen über Gut und Böse vertrieb ihn aus dem Paradies, und er war ab sofort gezwungen, etwas zu tun. Das könnte euch auch passieren, wenn ihr “man” gegen “ich” austauscht. Schnell stellt “ich” dann fest, dass es das “du” braucht, dann könnte es passieren, dass sich das unpersönliche “man” zu einem persönlichen “wir” – und damit zu einer Kraft – wandelt. Und das alles nur, weil “ich” ein paar Fragen beantwortet habe, die irgendjemand in einen Internet-Blog geschrieben hat. Ist das Revolution? Noch so ne’ Frage, die man, oder vielleicht besser “ich”, beantworten sollte.

Ohne “man”, mit “ich”, mit “wir”, ich mag mir vorstellen, wo wir dann wären …


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