Zivilcourage: Gegen das Schweigen

24.02.2009 von Inken Wanzek

P. lebt in Deutschland. P. ist Ingenieur. P. hat eine Meinung zu Ungerechtigkeiten in seinem Betrieb. Sie dürfen nicht sein. Ich frage ihn, ob er sie mir erzählt, damit ich darüber schreiben kann. Da sah er sich vorsichtig um und schwieg.

W. lebt in Russland. W. ist Anwalt. W. hat eine Meinung zu Ungerechigkeiten in seinem Land. W. verteidigt Verfolgte. W. wird erschossen. Der Mörder wird nie gefunden.

Warum sah sich P. vorsichtig um und nicht W.?

Ich bin sicher jeder, selbst die, die W. erschossen haben,  wissen um die Antwort:  “… bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.” (Artikel 1, II GG)

Darf ich dann zuschauen, wenn ein Kollege unter Druck gesetzt wird?

“bekennt sich”, heißt es, nicht “schweigt”.

Doch P. hat keinen Mut, den gemobbten Kollegen zu verteidigen. Warum? Weil er für sich Nachteile fürchtet und noch nie über Artikel 1, II GG ernsthaft nachgedacht hat, sich noch nie gefragt hat, was es für unsere Gesellschaft heißt, wenn alle wegschauen.  Die Abwägung geht zu ungunsten der Menschenrechte aus.

Was unterscheidet W. von P.? Das Nachdenken über Werte. Was sind mir persönlich Menschenrechte wert, wenn ich es nicht bin, der unterdrückt wird? Die Frage erfordert eine ehrliche Antwort.

Zivilcourage hat immer mit Werten zu tun, die wir in unserem Inneren verinnerlicht haben oder eben nicht. Mut wird aus diesen Werten geboren, aus nichts anderem.

Menschenrechte einzufordern, zu reden, wenn man Unrecht sieht, befreit, stärkt, macht bewusst, was es bedeutet in einem Land zu leben, wo man das kann. Wir dürfen mit unserem Nachdenken über Werte nicht warten, bis wir den Mut eines W. brauchen.

Menschenrechte sind sensibel, täglich gefährdet. Wir schaffen sie ab durch Schweigen und Wegsehen. Wir müssen die Werte, die für uns so selbstverständlich geworden sind, heute verinnerlichen, nicht erst morgen. Wir dürfen, die, die Ungerechtigkeiten um ihres Vorteils willen ausüben, nicht durch unser Schweigen stärken, nur weil wir kleine Nachteile erleiden könnten, was keineswegs sicher ist. Zivilcourage heute bedarf eines kleinen Mutes. Morgen kann sie eines großen Mutes bedürfen.

Deshalb sollte jeder, der  sich mit Zivilcourage auseinandersetzt, wir alle uns fragen: Welche Werte sind uns wichtig? Und was bedeutet es im Alltag, wenn es in Artikel 1, II GG heißt: “… bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.”

Ihr werdet stauen, wie viel Mut aus Werten wachsen kann und wie bedeutungslos die Nachteile dann werden.


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