Alcatel-Lucent Mitarbeiter in Battipaglia verzweifelt

11.09.2009 von Inken Wanzek

Fünf Mitarbeiter des französischen Konzerns Alcatel-Lucent haben am letzten Montag ihre Fabrik in Battipaglia besetzt und drohen damit sich selbst zu verbrennen, wenn die Verlagerung ihres Werkes nach China und Rumänien nicht ausgesetzt und neu diskutiert wird. Sie haben sich mit Benzinkanistern im Werk verbarrikadiert und warnen jeden, das Werk zu betreten. Dies teilte ein Gewerkschaftssprecher mit.

Das Werk in Battipaglia soll geschlossen werden, nachdem Alcatel-Lucent jahrelang Fördergelder aus der Europäischen Union und dem italienischen Staat bekommen hat. Die Situation erinnert an die Schließung des Nokia Werkes in Bochum. Auch dieses wurde nach Auslaufen der Fördergelder geschlossen. Im ALU-Werk von Battipaglia arbeiten etwa 100 Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung, weiter 100 sind in der Produktion beschäftigt.

Verzweiflung pur, die Mitarbeiter dazu treibt zu solchen Maßnahmen zu greifen. In der E-Mail, die uns erreicht hat, heißt es: „Ihre Verzweiflung ist wirklich groß. Die Aussicht auf einen neuen Job tendiert gegen Null. Wer kann, als Gruppe oder als Einzelperson, sollte eine Soli-Adresse. Bitte schickt Solidaritätserklärungen an mailto:adriana.geppert@alcatel-lucent.it“.

Battipaglia liegt in der Nähe von Neapel, einer Region, die durch hohe Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit geprägt ist. Es gehe nicht „nur“ um hundert Arbeitsplätze in der Fabrik, sondern insgesamt um 1000 Arbeitsplätze in der Region, so die Betroffenen. Alcatel-Lucent beschäftigt in Italien etwa 2000 Mitarbeiter.

So extrem wie diese Aktion der Kollegen klingt, so bescheiden sind ihre Forderungen:

  • Aussetzung des Outsourcings für mindestens sechs Monate
  • ernsthafte Diskussion des alternativen Plans der Arbeitnehmer und der betrieblichen Belegschafts- und Gewerkschaftsvertretung (RSU/RSA)
  • Diskussion der Angelegenheit auf der Ebene der Ministerien Wirtschaft, Forschung und Auswärtige Angelegenheiten und ebenso auf regionaler Ebene. Anwesenheit eines Konzernvertreters aus Frankreich bei diesen Diskussionen

Die deutschen Alcatel-Lucent Mitarbeiter sind von der verzweifelten Tat ihrer fünf italienischen Kollegen tief betroffen und  hoffen zusammen  mit ihren italienischen Kollegen auf eine friedliche Lösung: „Sowohl in Stuttgart als auch in Nürnberg fühlen wir uns wegen der Zusammenarbeit mit Battipalgia den italienischen Beschäftigten verbunden“, sagen Alcatel-Lucent Mitarbeiter deutscher Standorte, berichtet Netzwerk IT.

Alcatel-Lucent gab in einer Erklärung bekannt, die Situation in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden die Situation sehr behutsam regeln zu wollen und strebe an, eine dauerhafte Lösung für die Mitarbeiter finden zu wollen. Der italienische Wirtschaftsminister Claudio Scajola kündigte ein Treffen am 15. September an, um die Situation zu diskutieren, berichtet die Internetseite Totaltele.

Die Werkbesetzung in Battipaglia ist nicht die erste, doch vielleicht die verzweifeltste. Die Drohung, sich selbst zu verbrennen, um seiner Verzweiflung Ausdruck zu verleihen, zeigt, wie ausweglos die Beschäftigten ihre Situation empfinden. Dabei wollen sie nur eins: Gehör. Sie wollen, dass Politik und Alcatel-Lucent, ihre Existenzbedrohung wahrnehmen und vor allem ernst nehmen.  Wie müssen unserer Familien ernähren, wir wollen nicht in die chancenlose Armut abrutschen, die unseren Kindern keine Zukunft bietet.  Ähnlich verzweifelt und wütend demonstrierten im Mai dieses Jahres etwa 500 französische Mitarbeiter des Continental-Reifenwerks Clairoix vor dem lothringischen Schwesterwerk Saargemünd für ihre Arbeitsplätze. Dabei drangen sie auch in das Werksgelände ein, zündeten vor dem Eingang Reifen an und besetzten das Werk. Auch hier sollte das Reifenwerk Clairois geschlossen werden. Die Besetzung des Werkes wurde beendet, als den Mitarbeitern Gespräche angeboten wurden.

Wir wollen hoffen, dass in Battipaglia, Alcatel-Lucent und Behörden dauerhaft Gesprächsbereitschaft signalisieren und eine friedliche Lösung gefunden werden kann.

Gerade angesichts der immer noch andauernden Wirtschaftskrise ist Politik und Wirtschaft gleichermaßen gefragt, um den sozialen Frieden im Lande aufrecht zu erhalten. Doch zu hören sind nur beruhigende Worte, zu sehen ist nicht viel. Die Menschen werden, wenn ihre Arbeitsplätze aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise bzw. aus reiner Geldgier der Unternehmen weiter bedroht werden, immer mehr Vertrauen verlieren. Soziale Unzufriedenheit und soziale Not waren in der Geschichte schon immer ein Auslöser für Unruhen. Politiker sollten die Geschichte kennen. Sie sollten daraus lernen, doch diesen Eindruck hat man nicht. Und solange hier kein Umdenken einsetzt, solange die soziale Verantwortung nur auf einem Stück Papier steht, solange werden wir mit verzweifelten Aktionen wie in Battipaglia und Saargemünd rechnen müssen.