Was sind das nur für Manager

24.09.2009 von ub

Erschütternde Selbstmorde bei der France Télécom

In den letzten Monaten haben 29 Mitarbeiter der France Télécom Selbstmord begangen. Dazu kommen noch 14 Suizidversuche.  Dies berichteten die Online-Zeitung „Der Westen“, die „Berliner Morgenpost“,  die FAZ-Online und weitere Medien. Das Presseecho war groß.

Sicherlich spielen dabei auch rein private Gründe eine Rolle, aber es ist offensichtlich, dass das Arbeitsumfeld bei France Télécom auch eine der wesentlichen Ursachen bei den Betroffenen war. Jeder dritte Selbstmord geht Medienberichten zufolge wohl auf den unerträglichen Stress am Arbeitsplatz zurück. So schreibt eines der Opfer in seinem Abschiedsbrief, den die Gewerkschaft auf ausdrücklichen Wunsch veröffentlichen sollte:

Ich habe mich wegen meiner Arbeit bei France Télécom umgebracht. Das ist der einzige Grund: Permanenter Druck, Arbeitsüberlastung, fehlende Weiterbildung, völlige Desorganisation des Unternehmens, Terrormanagement“.

Sicherlich gibt es viele, die sagen werden, dass es noch andere Gründe für den Selbstmord des Mitarbeiters gebe, aber dagegen stehen die Worte: “Verantwortlich für meinen Selbstmord ist France Télécom.“ Der Mitarbeiter hatte noch wenige Monate zuvor eine Gehaltserhöhung bekommen.

Es scheint mittlerweile festzustehen, dass zumindest jeder dritte dieser Selbstmorde auf die Arbeitsbedingungen bei France Télécom zurückzuführen ist. Damit läuft die übliche Begründung des Managements, dass das psychisch labile Mitarbeiter gewesen seien und die Selbstmorde eher auf private Gründe zurückzuführen sind, ins Leere. Auch statistische Taschenspielertricks, die darauf hinweisen, dass sich bei der Größe der France Télécom die Selbstmordrate in der Firma in etwa mit der der französischen Gesamtbevölkerung decke, verfangen nicht, da man wohl davon ausgehen kann, dass stark selbstmordgefährdete Bevölkerungsgruppen in der Firma eher unterrepräsentiert sein dürften. Dies ist zumindest die Meinung einer der größten französischen Gewerkschaften, der CGT.

Bei vielen der 180.000 Beschäftigten liegen unterdessen die Nerven blank. Sie gingen in Paris, Marseille, Troyes, Besançon, Nancy, Nizza und Montpellier auf die Straße, um gegen die ihrer Ansicht nach miesen Arbeitsbedingungen zu protestieren. Auf Spruchbändern beklagten sie den „terreur“ und forderten ihre Bosse auf: „Stoppt das Leiden bei der Arbeit“.

Wie sieht nun dieses „Terrormanagement“, wie der Mitarbeiter schrieb, aus? Zunächst sei noch darauf hingewiesen, dass die Übersetzung von “terreur” mit “Terror” vielleicht nicht ganz den Bedeutungsinhalt trifft. Denn zum französischen Bildungskanon gehört auch der “Grande Terreur” der Französischen Revolution. Deshalb dürfte die Assoziationen, die ein Franzose mit “terreur” verbindet eine andere sein als die eines Deutschen mit “Terror”. Was ist also die Schreckensherrschaft der Manager? Eigentlich nichts anderes als das, was viele Mitarbeiter von Großkonzernen in den letzten 10 bis 15 Jahren mehr oder weniger am eigenen Leib erfahren haben. Anscheinend ist die Dosis bei France Télécom aber extrem hoch.

Wie im Rahmen der neoliberalen Lehre üblich, wurde der ursprüngliche Staatsbetrieb France Télécom in den 1990er Jahren privatisiert. Der Staat hält mittlerweile nur noch circa ein Viertel der Aktien und nimmt kaum noch direkten Einfluss auf das laufende Geschäft. Wie ebenfalls üblich wird ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter schrankenlos der Gewinnmaximierung gehuldigt.

Im Zuge der rollierenden Restrukturierungen wurden mittlerweile mehrere 10.000 Arbeitsplätze abgebaut. Laut „heise online“ wurden in den vergangenen Jahren wurden 22.000 Stellen abgebaut und 7000 Mitarbeiter versetzt. Die Zahlen, die in der Presse kursieren, schwanken, zwischen 60.000 und 70.000 gestrichene Stellen insgesamt dürften realistisch sein. Zurzeit verfügt die Firma wohl noch etwa über rund 100.000 Mitarbeiter in Frankreich.

Laut Angaben der Gewerkschaften, machen den verbleibenden Mitarbeitern vor allem die brutale Versetzungspolitik zu schaffen. Von heute auf morgen wurde den Kollegen mitgeteilt, dass sie jetzt 50 oder 100 km entfernt arbeiten würden. Eine andere Variante ist die Zuweisung anderer Aufgaben, ohne die notwendige Weiterbildung zu gewähren. Kombinationen und andere Schikanen sind natürlich auch existent.

Insofern ist nach Ansicht der Gewerkschaften der bisher letzte, der 23., Selbstmord seit Februar 2008 symptomatisch. Stephanie war in den letzten Monaten dreimal von Umstrukturierungen betroffen. Vor einigen Tagen hatte sie in einer Mitarbeiterversammlung erfahren, dass sie erneut versetzt werden und wieder eine neue Aufgabe übernehmen sollte. Das war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nach einem Sprung aus dem Fenster verstarb sie wenig später im Krankenhaus.

Eigentlich sollte man sich unter zivilisierten Menschen einig sein, dass jeder Selbstmord einer zu viel ist. Im Gegensatz dazu meinte etwa der Personalchef von France Télécom, Olivier Barberot, im Laufe des Jahres, als sich diese Selbstmordwelle abzeichnete, das sei nicht dramatisch, er hätte schon Schlimmeres gesehen. Schließlich hätte man im Jahre 2000 auch 28 und im Jahre 2009 29 Selbstmorde gehabt. Die in diesem Zusammenhang und auch schon früher von den Managern abgegeben Statements zeigen, wie tief die Moral bei diesen Managern offensichtlich gesunken ist. Im Wirtschafts-Deutsch würde man wahrscheinlich beschönigend von einem negativen Niveau sprechen.

Auch für den Firmenchef, Didier Lombard, ist das Thema nach Einschätzung der Medien, eher ein Imageproblem der Firma und die Selbstmordwelle sei eine Mode (so wird er zitiert), die stark durch die Berichterstattung der Medien angeheizt worden sei. Als der Begriff  “Mode” auch in Regierungskreisen nicht übermäßig goutiert wurde, entschuldigte er sich für diese verbale Entgleisung und führte sie auf eine falsche Übersetzung aus dem Englischen “mood” zurück. Ob nun Stimmung in diesem Zusammenhang besser ist als Mode, sei dahingestellt.

Der öffentliche Druck ist inzwischen so hoch geworden, dass Frankreichs Arbeitsminister Xavier Darcos den Vorstandsvorsitzenden Didier Lombard ins Ministerium zitierte. “Die Wiederholung derart schmerzhafter Ereignisse in einem einzigen Unternehmen verpflichtet die Regierung zu erhöhter Wachsamkeit“, mahnte Darcos und die Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes, Laurence Parisot, forderte gar in einem Ausdruck von Anteilnahme und Hilflosigkeit, “dass man alles tun muss, damit diese Dinge sich nicht weiterentwickeln“.

Was gedenken nun die Herren Manager gegen diese Stimmung zu tun? Natürlich das unvermeidliche Seelsorgetelefon; darüber hinaus sollen zusätzliche Betriebsärzte und 100 zusätzliche Spezialisten in den Personalabteilungen eingestellt werden. Natürlich fehlt auch nicht die Phrase vom Kommunikationsproblem. Man hätte vielleicht nicht genügend getan, um die Belegschaft von der Notwendigkeit des Wandels, also der Schreckensherrschaft, zu überzeugen. Deshalb werde das Management nun im Herbst in den verschiedenen Betrieben Belegschaftsversammlungen abhalten, um sich über die Sorgen und Nöte der Mitarbeiter zu informieren.

Darüber hinaus sollen die Verwaltungsangestellten in Führungspositionen geschult werden. “Wir haben sie nach wissenschaftlichen Regeln des Menschen-Managements ausgebildet, aber vielleicht nicht genug“, räumt Didier Lombard ein. “Unsere Führungen sind von ausgezeichneter Qualität, aber wir werden zusätzliche Aus¬bildungseinheiten hinzufügen”, denn, “es gilt diese kleine Schwäche auszugleichen“. Die wahrscheinlich einzig wirklich wirksame Maßnahme ist leider bis Ende Oktober beschränkt, die Restrukturierungen und Versetzungen sollen ausgesetzt werden.

Was sind das nur für Manager, die sich einen Dreck um die Arbeitsbedingungen ihrer Angestellten scheren und Selbstmorde aufgrund dieser Bedingungen als Business as usual abhaken und von kleinen Schwächen schwafeln?

Was sind das nur für Investoren und Aktionäre, die sich solche Manager leisten?

Was ist das nur für eine Gesellschaft, die es solchen Managern, Investoren und Aktionären erlaubt, den Selbstmord arbeitender Menschen für eine höhere Rendite in Kauf zu nehmen?

PS: Ähnlichkeiten mit Zuständen in Deutschland sind natürlich in der Darstellung nicht gewollt und wären daher rein zufällig. Ob es auch in den deutschen Großkonzernen überdurchschnittlich hohe Selbstmordraten gibt, weiß man nicht. Es gibt keine Statistiken, zumindest keine öffentlich zugänglichen. Vielleicht ist da Frankreich schon weiter als Deutschland.