France Télécom: Sanierer muss gehen

06.10.2009 von Inken Wanzek

Nach einer Reihe von Selbstmorden bei der France Télécom musste der für das Frankreich-Geschäft zuständige Konzern-Vizechef Louis-Pierre Wenes gehen.

Weynes galt als knallharter Sanierer und gilt als verantwortlich für den Arbeitsdruck auf die Beschäftigten. Er wird ab sofort durch Stephane Richard ersetzt, der ab 2011 ohnehin die Führung des Unternehmens übernehmen sollte. “Das kann dazu beitragen, dass sich die Situation im Unternehmen entspannt und sich das Klima verbessert”, sagt Xavier Major, Télécom-Gewerkschafter. “Jetzt können wir den Sozialpakt angehen, aber er muss mit Inhalten gefüllt werden, damit die dramatische Situation im Unternehmen ein Ende findet!”

Die Mitarbeiter, die sich das Leben nahmen, hatten in Abschiedsbriefen die Arbeitsbedingungen bei France Télécom als Motiv genannt: Stress im Büro, überhöhte Anforderungen, Mobbing, soziale Kälte der Führungsetage. Viele Kollegen empfinden einen ähnlichen Druck. “Jeden Monat gibt es ein Papier, darauf steht, was man erreichen muss – die Zahl der neuen Verträge, der Anrufe, der Beratungen. Und dann noch die Ziele pro Stunde, fünf Anrufe zu Beispiel.” Das sei nicht unmöglich. Einige schafften die Ziele. Doch unter diesen Bedingungen habe es Kollegen gegeben, die die Ziele zwar erreicht, aber im Monat danach krank gewesen seien.

Doch auch Unternehmenschef Lombard hatte den Druck auf die Beschäftigten erhöht, wie ein Video, aufgezeichnet bei einer Veranstaltung der France Télécom im Januar, belegt. Darin erklärte Konzernchef Lombard, die Zeit des Kuschelns beim Telefonriesen sei vorbei. “Wer glaubt, so ruhig wie bisher weitermachen zu können, hat sich getäuscht”, sagte Lombard. “Das gilt vor allem für die Mitarbeiter fernab von Paris. Die lauen Zeiten sind vorbei!”

Die France Télécom hat alle internen Versetzungen nicht nur bis Ende Oktober, sondern bis zum Jahresende auf Eis gelegt. Es soll Ruhe einkehren in das Unternehmen, das unter einer Vertrauenskrise ohnegleichen leidet. Die Gewerkschaften fordern, den Umstrukturierungsplan der Firma auszusetzen. Viele Tausend Arbeitsplätze wurden bereits gestrichen, zahlreiche Mitarbeiter mussten ihren Einsatzort wechseln. Für morgen und übermorgen sind die Mitarbeiter zu Protest-Kundgebungen vor Unternehmensfilialen im ganzen Land aufgerufen.

Traurig, dass erst öffentlicher Druck zu Konsequenzen führt und wie überzeugend sie sind, muss sich erst noch herausstellen. Immerhin hat man nur eine bereits gefällte Entscheidung vorgezogen. Die Sanierungspläne sind ausgesetzt, doch wenn im Management kein Umdenken oder sollte man besser sagen Umfühlen, Fühlen für die Situation der Menschen, einsetzt, dann wird sich nichts ändern, wenn der Druck der Öffentlichkeit nachlässt.

Diese Form der psychischen Gewalt existiert nicht nur bei der France Télécom, sondern ist Alltag in vielen Unternehmen, mag sie auch bei der France Télécom besonders ausgeprägt sein. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das in der Frage gipfelt: Kann in unserer Gesellschaft nur noch der Starke überleben? Vielleicht sollten Manager, aber nicht nur diese, über Werte nachdenken, die unsere Gesellschaft verloren hat. Ist eine Gesellschaft, in der nur noch der Starke überleben kann, das Ergebnis des immer schneller, immer besser, immer profitabler? Wollen wir eine solche Gesellschaft? Wenn nicht, müssen wir aufstehen und etwas dagegen tun. Beginnen kann man dort, wo man steht: Nicht Wegsehen bei Mobbing – hinsehen.