Stimmungsbild

05.11.2009 von Inken Wanzek

Irgendwie hat man das Gefühl, ziellos herumlaufen zu müssen, um sich der immer wieder aufflackernden Unruhe erwehren zu können. Eine seltsame, vibrierende Nervosität durchzieht den Betrieb. Es wirkt alles normal, doch ein jeder spürt irgendwie, dass es das nicht ist. Doch was ist eigentlich? Umorganisation, alle Jahre wieder, Stellenabbau wie jedes Jahr. Alles normal und doch irgendwie anders.

„Aber es ist alles irgendwie nicht greifbar …“, sagte eine Kollegin.

„Bei uns herrscht nur ziemliche Ratlosigkeit, und die Abbauzahlen in München Martinstraße wären ganz interessant. Und viele denken über eine neue beE nach. Meine persönliche Stimmung ist absolut im Keller, irgendwie hat man es einfach nur satt, aber ich lass mich nicht unterkriegen.“

Depression, Humor, „Aber kaum droht mit dem 11.11. der Faschingsbeginn, schon geht’s wieder los mit den jährlichen Restrukturierungsnarreteien.“, Verdrängung, Resignation mischen sich zu einem Emotionsbündel, das einem manchmal wie die Büchse der Pandora vorkommt, Pandora, das schöne Übel, wie der griechische Dichter Hesiod schrieb. Ist die Büchse der Pandora mit Bekanntgabe der großen Umorganisation ein wenig geöffnet worden? Was wird man sehen, wenn man hineinsieht? Bringt sie das Schlechte? Schnell möchte man sich abwenden, doch es gelingt nicht.

„Jetzt geht es also wieder los“, so ein Kollege, „die Arbeit rückt wieder in den Hintergrund es wird wieder nur diskutiert, was werden wird, und wie man überlebt oder was angeboten wird etc.“ Und, um zu überleben, sucht man nach Fakten, nach etwas, das man greifen, abwägen und bewerten kann.

„Außerdem gibt’s im Intranet auch die unvermeidlichen FAQs. Die ersten rund 45 “Antworten” sind die üblichen mehr oder weniger sinnvollen Erläuterungen bzw. Nebelkerzen zur Umorganisation“, so ein Mitarbeiter und plötzlich ist ausgedrückt, was man fühlt, Nebel, durch den man nicht hindurch sehen kann, der nicht greifbar ist und einen hindert, einen Weg zu finden.

Und hier tut sich der Verdacht auf, dass es ein Ziel des Arbeitgebers ist, genau diesen Nebel zu erzeugen. Man soll herumirren, zermürbt werden durch die Ungewissheit, man solch sich verlieren und die Kraft soll sich aufzehren, damit dann, wenn die Büchse der Pandora sich öffnet, keine Kraft mehr für einen Widerstand, für eine sinnvolle Entscheidung da ist.

„Dann kommt eine Abteilung ‚Wie sind die Mitarbeiter betroffen’. Da wird’s dann schon interessanter. Offensichtlich plant man im Rahmen des Mappings bereits eine Art ‚Reise nach Jerusalem’ mit Bewerbung auf die eigene Stelle – natürlich nur, wenn sich durch das Mapping die Tätigkeit gravierend ändern sollte und das soll ja nur bei den Allerwenigsten der Fall sein. Man wird sehen.“

„Die Reise nach Jerusalem“ – wir hatten sie schon einmal. Damals haben wir dringend davon abgeraten, sich auf seine eigene Stelle zu bewerben. Das ist arbeitsrechtlicher Unsinn, aber psychisch kann eine solche Reise, tritt man sie an, tatsächlich Wirkung zeigen. Die Unsicherheit steigt, die Angst, was ist, wenn sich herausstellt, dass mein eigenes Profil gar nicht auf meinen Arbeitsplatz passt, führt zu Stress und Verwirrung. Was, wenn jemand anderer mir den Arbeitsplatz wegnimmt? Nebel, durch den man nicht gehen muss, wenn man das Spiel „Reise nach Jerusalem“ nicht mitspielt. Sollen andere nach der Musik tanzen.

„ Außerdem ist mir aufgefallen, dass immer wieder ausdrücklich betont wird, dass die Umorganisation selbstverständlich und überhaupt und ganz besonders nix mit späteren Rauswürfen zu tun hat. Sicherlich ist es nur eine böswillige Unterstellung, wenn man der Ansicht ist, dass die Umorganisation auch den Sinn hat, genau die gewünschte Struktur zu erzeugen, die dann Ausgliederungen und Ähnliches erleichtern wird.“

Aber, so könnte man den Text fortsetzen, ich bin dieser Meinung. So etwas könnte durchaus in der Büchse der Pandora versteckt sein.

Doch, und das vergisst man allzu schnell, Pandora öffnete die Büchse ein zweites Mal und dann ergoss sich die Hoffnung über die Welt. Es scheint fast so, als ob der griechische Dichter Hesiod in die moderne Zeit bis hin zu NSN hatte blicken können.

Hoffnung in einer hoffnungslosen Zeit? Ja. Wer ist Pandora heute – in der modernen Zeit? Unser Denken. Starren wir nur auf das Übel, sehen wir die Hoffnung nicht. Warten wir dagegen, bis sich der Nebel lichtet, Fakten, die man nicht ewig verschweigen kann, zu Tage kommen, dann können wir sehen, welche Wege sich auftun. Verteilen wir unsere eigenen Nebelkerzen und konzentrieren das Licht und die Wärme. Wie?

Indem ihr uns mitteilt, was ihr wisst und was ihr fühlt. Denn so kann man die Information bündeln, auf die Stimmung im Betrieb eingehen, die Emotionen auffangen und die Energie, die darin verborgen ist konzentrieren und damit sinnvoll nutzen. Dann steht uns Pandora mit dem zweiten Öffnen der Büchse zur Seite.