Der Zwang, selbstbewusst mit Unwissen umzugehen

24.11.2009 von Inken Wanzek

Die ständig wachsenden Anforderungen setzen die Menschen unter Druck. So schilderte ein Mitarbeiter aus der Werbebranche seine Arbeitssituation:

„In Summe der ganzen Aufgaben, in Summe der ganzen Belastungen, die da gekommen sind, war eine umfangreiche oder ausreichende Vorbereitung auf einzelne Themen kaum mehr möglich, so dass man sehr häufig vor Situationen stand, die man nun zu bewältigen hatte, wo man bestenfalls mit einem gesunden Halbwissen aufgetaucht ist.“

Diese Situation schildern auch Mitarbeiter anderer Großunternehmen. Ein Meeting jagt das andere, es wird von Dingen gesprochen, die keiner recht verstanden hat, Entscheidungen müssen unter Termindruck gefällt werden, obwohl die Folgen dieser Entscheidung noch nicht ausreichend analysiert sind. Der Grund: Keine Zeit, schneller, flexibler, aber nicht besser.

Die Situation verschärft sich immer mehr, aus dem Kreislauf ausbrechen kann kaum jemand. Die wenigen wirklichen Experten werden mehr und mehr belastet, und doch hat niemand Zeit ihre Analysen zu lesen und zu durchdringen, schnell, einfach, ein paar Folien für das Management hingeworfen, möglichst ohne Probleme, denn Probleme will man nicht, sie erlauben es nicht, den festgelegten Endtermin halten.

Man hofft, dass die Probleme erst dann zum Tragen kommen, wenn man selbst mit dem Projekt nichts mehr zu tun hat. Man wehrt sich. Kritiker werden als Meckerer, Verzögerer abgestempelt, man kann sie nicht brauchen, denn sie stehen dem geforderten schnellen Erfolg im Wege, von dem der eigenen Aufstieg, die Erfüllung der eigenen Zielvereinbarung, der eigene Arbeitsplatz abhängt.

Das Unwissen, anfangs klein, leicht überspielbar, wird von Jahr zu Jahr größer, denn nie ist Zeit, sich in der erforderlichen Tiefe mit einem Thema auseinanderzusetzen, geschweige denn mit neuen Technologien. Keine Zeit für Weiterbildung, Learning on the Job, das was man gerade braucht, tiefere Zusammenhänge Fehlanzeige, es wird schon irgendwie gehen. Mehr Arbeit, mehr Projekte, wieder was Neues. Man wird unsicher, gibt es nicht zu, darf es nicht zugeben, das Gefühl, hoffentlich merkt es keiner, dass ich keine Ahnung habe, wird größer, diktiert irgendwann das Arbeitsleben, man redet und redet, greift zu Floskeln, wehrt ab, wenn jemand in die Tiefe gehen möchte, denn niemand darf wissen, dass man wenig von der Sache versteht. Der Kampf um die Tarnung des Unwissens, der Kampf mit einer Menge von Arbeit, die nicht zu schaffen ist, wird zur seelischen Belastung, die mehr und mehr stresst.

Das geht lange gut, Jahr für Jahr, das Unternehmen wird erst unmerklich, dann immer deutlicher unproduktiver und das Management reagiert mit Stellenabbau und weiteren Arbeitsdruck. Die Angst um den Arbeitsplatz steigt. Schneller, flexibler, besser steht auf den Hochglanzfolien und niemand sagt, wie dies jemals zu erreichen sei.

Am Ende steht der Griff zur Droge. Unser Manager aus der Werbebranche hatte zu Kokain gegriffen. Er sah darin die einzige Möglichkeit, seine Unsicherheit zu beherrschen: „Dieses Selbstbewusstsein habe ich mir dann geholt zum Beispiel über Koks, größer, besser, schöner als ich kann eh keiner sein, diesen Effekt herbeizuführen, um über diese inhaltlichen Unsicherheiten mit einer vollkommen überspielten persönlichen Selbstsicherheit hinwegkommen zu können und um überhaupt erst einmal auf eine solche Situation sicher und frei zugehen zu können. Das wurde sicherlich irgendwann zu einem der wichtigsten Punkte.“

Zitate aus der Sendung „Doping für den Job“, ausgestrahlt bei ARTE am 17.11.2009.