Doping am Arbeitsplatz als Überlebensstrategie

26.11.2009 von Inken Wanzek

Es erschreckt, dass 80 Prozent der Orchestermusiker bereit ist zuzugeben, dass sie regelmäßig Beta-Blocker einsetzen. Diese unterdrücken das Zittern der Hände. Prof. John Holloway, Dirigent: „Ich habe Statistiken bis zu 80 Prozent gehört, 80 Prozent einer Orchestermitgliedschaft, die bereits sind zuzugeben, dass sie regelmäßig Beta-Blocker verwenden. Selbst wenn es 50 Prozent falsch ist, wenn es nur 40 Prozent sind, ist es schon schockierend, finde ich. Ich bin erstaunt, aber ich muss noch mal hervorheben, es geht auf die Umwelt zurück, die den Erwartungsdruck erzeugt.“

Professor Helmut Möller, Arzt für Musikergesundheit sieht im Tablettenmissbrauch einen systematischen, einen politischen Aspekt. Die Anforderungen und Übererwartungen sind einfach zu groß, so dass die Musiker zu solchen Drogen greifen müssen, um zu überleben.

Dies gilt auch für andere Berufssparten. Wenn Einzelne Tabletten nehmen, um ihre Leistung zu steigern, hat das auch Auswirkungen auf die Kollegen. Der Soziologe Günter Ahmend sagt dazu: „Wenn der eine sie nimmt, ist er unausgesprochen im Wettbewerb mit dem anderen, der sie nicht nimmt. Und es besteht eine unausgesprochene Aufforderung ‚Nimm doch, um dessen Leistungsniveau zu erreichen, nimmt doch auch selbst diese Pille.’ Deshalb bin ich außerordentlich skeptisch, diesem Pillenboom, dieser Selbstmanipulation mit Hilfe von psychopharmakologischen Substanzen, ob das irgendwann mal zum Ende kommt.

Man muss sich den Kreislauf vorstellen: Über breite Bevölkerungsschichten erfolgt hier ein stiller Dopingwettbewerb, der am Ende meist zu einem Zusammenbruch der Betroffenen führt. Wie bahnt dieser sich an?

„Das Ergebnis waren dann wirre Zettel morgens auf dem Schreibtisch meiner Assistentin und spätestens dann hat man Erklärungsnot gehabt. Keiner vermutete, dass man Koks genommen hat und alle denken, er war strunzig, also sternhagelvoll und so sah das Ergebnis dann auch aus, was man abgegeben hat. Für einen selber war zunächst einmal ein gutes Gefühl da. Man hat die Zeit scheinbar sinnvoll verbracht, aber dem war halt nicht so.“

Ein Fall wie dieser ist für William Löwenstein, den Leiter eine Pariser Suchtklinik (Klinik Montevideo) geradezu typisch. Besonders Menschen, die sich stark über den Erfolg definieren, sind besonders gefährdet. Besonders Führungskräfte gestehen sich ihre Sucht besonders spät ein. Medikamentenmissbrauch gibt es aber nicht nur in der Führungsetage, sondern auch einfache Arbeiter und Angestellte sich zunehmend davon betroffen. Viele Arbeitnehmer, Angestellte und Führungskräfte nehmen Aufputschmittel, um den Anforderungen, die von den Großunternehmen heute gestellt werden, gerecht zu werden. Niemand aber, so kritisiert die Arbeitsmedizinierin Dr. Marie Grenier-Pezé, stellt den Bezug zur krankmachenden Arbeitswelt her. „Diese leistungsorientierte Arbeitskultur erzeugt einen moralischen Druck und ein schlechtes Gefühl bezüglich der Arbeit. Für viele Menschen wird es schwer, das seelische Gleichgewicht zu halten. Und das will keiner wahrhaben. Natürlich betrifft das nicht nur die Arbeiter, sondern auch die leitenden Angestellten und Geschäftsführer der Unternehmen.“

Man fragt sich unwillkürlich, wo das hinführen soll und welche Auswirkungen dieser massenhafte Medikamentenmissbrauch auf unsere Gesellschaft hat.

Der Neurobiologe Gerald Hüther hat festgestellt, dass leistungssteigernde Mittel wie Enhancer, die Begeisterung im Menschen abtöten. „Also wenn ich jetzt diese kognitiven Enhancer nehme und ich gar keinen inneren Impuls mehr habe, dann fehlt mir auch die Begeisterung. Und wenn ich die Begeisterung nicht mehr habe, dann fehlt gewisser Maßen im Hirn der Treibstoff, der immer wieder dazu führt, dass wofür ich mich begeistere, auch ganz besonders starke Wirkung auf mich hat, einschließlich der Struktur des Gehirns. Und dort sehe ich die Riesengefahr, dass wir eine Welt werden, in der es keine Begeisterung mehr gibt, weil es in dieser Welt keine Gefühle mehr gibt, weil wir nur noch funktionieren wollen.“

Haben wir nicht manchmal den Eindruck, dass wir, gerade am Arbeitsplatz, in so einer Welt leben?

Zitate aus der Sendung „Doping für den Job“, ausgestrahlt bei ARTE am 17.11.2009.