Eigenverantwortung braucht Informationen

16.01.2010 von Inken Wanzek

Arbeitnehmer, die sich naturgemäß selten mit der Planung unternehmerischer Entscheidungen befassen, haben manchmal das Gefühl, wenn sie eigene Überlegungen über ihre Zukunft anstellen, dass es besser sei, darüber zu schweigen.

Ein unangenehmes Gefühl

Einmal, so scheint es, beschleicht einen das Gefühl, das Unglück könne herbeigeredet werden. Das ist, wenn man einmal darüber ehrlich nachdenkt wohl eher dem Rest von Aberglauben, der wohl auch noch in unserer nüchternen Zeit in uns verwurzelt ist, zuzuschreiben. Das Unbewusste zerrt den Satz: „Man kann es auch herbeireden“ gerne dann hervor, wenn man die Situation einfach nicht wahrhaben will. Wäre es anders, hätten wir alle schon lange die herrlichsten Arbeitsbedingungen herbeireden können, oder?

Verbergen

Zum anderen – und dieses Argument scheint gewichtiger, glaubt man: Man könnte seinem Widersacher Strategien verraten, auf die er selbst nicht gekommen wäre.

Um uns der Klärung dieser Frage zu nähern, muss man sich zunächst die „politische“ Lage und die Kräfteverhältnisse ansehen. Verfügen beide Gegner annähernd über die gleiche Stärke, den gleichen Einfluss, die gleichen Informationen, die gleichen „Waffen“, wie eine Heerschar von Rechtsanwälten, finanzielle Kraft, Wirkung in Politik und Gesellschaft, dann, ja dann, kann es durchaus sein, dass man über manches besser schweigt als redet.

Kräfteverhältnisse

Doch wie ist das bei Arbeitnehmern, die herausfinden wollen, was der Arbeitgeber mit ihnen vorhat? Jeder dürfte es ahnen. Die „Waffen“ sind hier ziemlich ungleich verteilt. Der Arbeitgeber kann Prädikatsanwälte und Wirtschaftsexperten bezahlen, die sich Strategien ausdenken, die Zugriffe auf Gerichtsurteile, firmeninterne Informationen sowie Ziele des Unternehmens haben. Ein Unternehmen, insbesondere ein großer Konzern wie Siemens, Nokia oder NSN, weiß in der Regel was es will und ist in der Lage seine Ziele strategisch zu planen.

Der Gesetzgeber hat daher das Betriebsverfassungsgesetz und Arbeitnehmerrechte geschaffen, um dieses Ungleichgewicht ein wenig auszugleichen. Trotzdem bleibt der Arbeitnehmer davon abhängig, was der Arbeitgeber ihm sagen will (Gesetz hin oder her, alles einzuklagen ist unmöglich). Die Informationsquellen des Arbeitnehmers sind lediglich die unabhängige Presse, öffentlich zugängliche Geschäftsberichte und Bilanzen sowie das Handelsregister. Was der Arbeitnehmer bestenfalls erhält, sind Bruchstücke, mit denen er oft nicht viel anfangen kann, und die der Arbeitgeber natürlich bestens kennt, denn die Informationen stammen letztlich von ihm. Also mit dem Informationsvorsprung des Arbeitnehmers sieht es mau aus. Seine Informationen sind mehr oder weniger bruchstückhaft.

Das Arbeiten mit Bruchstücken

Deshalb machen wir uns seit Jahren die Mühe, diese Bruchstücke zu einem Bild zusammenzusetzen und mögliche Szenarien daraus abzuleiten. Das dies mit einer Fehlertoleranz versehen ist, ist klar. Trotzdem stimmen die so erworbenen Erkenntnisse erstaunlich oft, denn auch ein Arbeitgeber kann nur in einem begrenzten Rahmen handeln. Eine wesentliche Rahmenbedingung ist die Profitabilität. Daher fallen Szenarien, einen Betrieb finanziell am Leben zu erhalten, nur um Arbeitsplätze zu erhalten oder gar neue zu schaffen, wie die Politik oft suggerieren will, von vornherein aus. Mitarbeiter dienen einem Unternehmer nur dazu, sein Ziel „Produktivität“ zu erreichen. Je größer das Unternehmen, je größer der Konzern, desto weniger spielen soziale und menschliche Erwägungen eine Rolle. Soziales Engagement wird auf andere Bereiche, wie Kunst, Spenden, Sport etc., verlegt und dient vor allem der Imagepflege.

Zurück zum Thema: Unternehmen wie Siemens, Nokia, NSN beschäftigen Prädikatsjuristen und Wirtschaftberater, die in ihrem Bereich zur Elite zählen. Es ist daher unsinnig anzunehmen und eine völlige Unterschätzung des Gegners zu glauben, der Arbeitnehmer könnte auf den ihm nur bruchstückhaft zur Verfügung stehenden Informationen Szenarien entwickeln, auf die die Heerschar von Rechtsanwälten und Betriebswirten mit wesentlich mehr Informationen und klarer Aufgabenstellung nicht kommen würden.

Reden statt schweigen und eine Portion Eigenverantwortung

Aus diesem Grund schweigen wir nicht über das, was wir herausfinden. Wir wollen erreichen, dass ihr so weit das möglich ist, wisst, was passieren könnte, damit ihr, wenn es eintritt, nicht überrascht und nicht handlungsunfähig seid. Denn eines ist klar: Jemand der von einem negativen Ereignis überrascht wird, ist gelähmt, sein Gefühl übernimmt das Steuer, sein Verstand kann nicht mehr klar denken. Und in dieser Situation wird der Arbeitnehmer in seinen Entscheidungen leicht zu einem Opfer des Willens des Arbeitgebers.

Ein Arbeitnehmer dagegen, der informiert ist, weiß, was angesichts der bekannten Fakten auf ihn zukommen könnte, kann sich im Vorfeld mit dem, was geschehen könnte, auseinandersetzen. Er kann die Vor- und Nachteile, die für ihn in den einzelnen Szenarien entstehen, durchdenken, bevor sie eintreten. Tritt dann eines ein, ist er in der Lage sofort richtig zu handeln. Richtig heißt: Für ihn persönlich richtig. Das aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, geht nur, wenn jemand da ist, der redet und nicht schweigt, denn es ist eine Selbstüberschätzung als Arbeitnehmer zu glauben, man sei klüger als die Heerschar von Rechtsanwälten und Wirtschaftsexperten des Arbeitgebers.

Schweigen dient nur einem: Dem Arbeitgeber, denn für ihn ist eine unwissende Belegschaft leichter zu steuern, als eine, die in der Lage ist, selbstbewusst und eigenverantwortlich für sich und ihre Familien, zu entscheiden. Und dass ihr das könnt, dazu wollen wir mit unserer Arbeit beitragen.