Analyse: Stellenabbau–Szenario

17.01.2010 von Inken Wanzek / Christine Rosenboom

Dieses Szenario ist euch bestens bekannt. Der Betriebsrat schließt bei angekündigtem Stellenabbau einen Interessenausgleich und Sozialplan ab. Ausgewählten Mitarbeitern wird ein Angebot zu einem Aufhebungsvertrag oder für den Gang in eine Beschäftigungsgesellschaft gemacht.

In letzter Zeit ist es allerdings ruhig geworden um dieses Szenario. Man hört nahezu nichts mehr davon, dass ein solcher Stellenabbau stattfinden soll. Keine Zahlen gehen aktuell dazu durch die Presse. Der Grund dürfte sein: Zurzeit stellen Siemens und Nokia keine Gelder für Sozialpläne bereit.

Dem dürfte die Erkenntnis zugrunde liegen, dass der jährliche Stellenabbau seit 2003 erst Com, dann NSN nicht entscheidend vorangebracht hat. Die geschäftliche Entwicklung ist nicht besser, sondern schlechter geworden – trotz dieses kontinuierlichen Stellenabbaus. Diese „Langzeitstudie“ zeigt deutlich, dass Stellenabbau kein Mittel zur Sanierung eines Unternehmens oder Konzerns ist, sondern nur zur Demotivation der Belegschaft führt.

Wenn Siemens und Nokia keine Gelder für Sozialplanmaßnahmen zur Verfügung stellen, kann NSN nur mittels Kurzarbeit kurzfristig die Personalkosten reduzieren. Der GBR verhandelt, wie wir berichteten, bereits über Kurzarbeit. Es soll bereits Listen mit Mitarbeitern geben, die 100 Prozent Kurzarbeit machen, also ganz von der Arbeit freigestellt werden sollen.

Kurzarbeit löst jedoch dauerhaft kein Problem, wenn nicht andere Maßnahmen zum Tragen kommen. Die Zeit der Kurzarbeit könnte NSN dazu nutzen, weitere Unternehmensteile zu Partnern auszugliedern. Hier wäre dann zu prüfen, ob ein dauerhafter Arbeitsplatz in dem neuen Unternehmen wahrscheinlich ist oder nicht. Aussagen über den Konzern reichen dazu nicht aus.

Und wenn dieser Stellenabbau vorüber ist, dann wird der nächste nicht lange auf sich warten lassen. „Same procedure as every year“. Es ist aber unwahrscheinlich, dass Nokia und Siemens solange warten bis nur noch ein Mitarbeiter und sein Personalsachbearbeiter und der zugehörige Betriebsrat im Unternehmen verbleibt. Irgendwann hat dieser Kreislauf ein natürliches Ende.

Vorteile für Siemens und Nokia

  • NSN würde keine Kunden verlieren.
  • Es gibt keine nachträglichen Widerspruche gegen den Betriebsübergang von der Siemens AG zur Siemens Networks GmbH & Co. KG (heute: NSN GmbH & Co.KG).

Risiken für Siemens und Nokia

  • NSN und die NSN GmbH & Co.KG würden die Bilanz von Siemens und Nokia, insbesondere auch durch die Gelder für Sozialplanregelungen, über Jahre weiter belasten. Siemens CFO Joe Kaeser könnte seine Aussage, NSN werde die Bilanz von Siemens noch zwei Jahre (also bis 30.9.2011) belasten, nicht einhalten, denn es ist unwahrscheinlich anzunehmen, dass NSN 2010 in die Gewinnzone kommt.
  • Die Aktien beider Konzerne könnten sinken.
  • Weitere Belastung der Bilanz durch NSN, denn erneuter Stellenabbau in den kommenden Jahren ist zu erwarten.
  • NSN ist mit hohen Personalkosten schwerer zu verkaufen. Dem Käufer müssten Siemens und Nokia hier entgegen kommen.

Nachteilsausgleich für die Mitarbeiter

  • Aufhebungsverträge und Beschäftigungsgesellschaft mit Abfindungen nach den bisherigen Sozialplänen
  • Vorruhestandsregelungen
  • Sicherung für Mitarbeiter, die ausgegliedert werden sollen, in Form von Kündigungsschutz von drei Jahren, verbunden mit gestaffelter Abfindung, sowie Standortgarantie, also Arbeitsplatzgarantie für die übergehenden Mitarbeiter. Diese Eckpunkte sollten vorab in einem Rahmensozialplan festgelegt werden und nicht erst in einer Überleitungsvereinbarung (die lediglich Goodwill ist), wenn eine einzelne Ausgliederung unmittelbar bevorsteht. Dieser Rahmensozialplan ginge nämlich nach §613a BGB mit zum Erwerber über und würde dort weiter gelten.

Übersichtsgrafik Szenario_4

Disclaimer für zukunftsgerichtete Aussagen: Dieser Artikel enthält in die Zukunft gerichtete Aussagen und Informationen – also Aussagen über Vorgänge, die in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit, liegen. Diese zukunftsgerichteten Aussagen sind erkennbar durch Verwendung des Konjunktivs oder einschränkende Formulierungen wie „möglich“, „beispielsweise“ oder ähnliche Begriffe. Solche vorausschauenden Aussagen beruhen auf den heutigen Einschätzungen der Redaktion, auf bekannten Fakten und bestimmten Annahmen. Sie bergen daher eine Reihe von Risiken und Ungewissheiten. Eine Vielzahl von Faktoren, von denen zahlreiche außerhalb des Einflussbereichs der Redaktion liegen, beeinflusst die tatsächlichen Abläufe und Szenarien. Diese Faktoren können dazu führen, dass die prognostizierten Ergebnisse unserer Analyse wesentlich von später tatsächlich eintretenden Ereignissen abweichen können.