Mobbing Prozess gegen Siemens

04.02.2010 von Inken Wanzek

„Weil eine andere Frau meinen Job übernehmen sollte, wurde ich von zwei meiner Vorgesetzten systematisch fertig gemacht“, sagt Sedika Weingärtner. Man habe sie von Besprechungen ausgeschlossen, mit einem alten PC abgespeist, in ein kleines Büro gesetzt und mit übermäßig viel Arbeit eingedeckt. Nach einer Baby-Pause sei alles noch schlimmer geworden. Beschimpft habe man sie, Worte wie „Dreck“ und „Schlamperei“ seien häufiger gefallen.

Sedika Weingärtner ist 45 Jahre und arbeitete in der Siemens -Niederlassung in der Nürnberger Vogelweiherstraße. Sie war dort als Strategin im “Global Procurement” beschäftigt.

1991 kam sie als Alleinerziehende mit drei Kindern aus Afghanistan nach Deutschland. Sie musste das Land verlassen, weil sie politisch verfolgt war, sagt sie. In der Hauptstadt Kabul hatte sie als Fernsehjournalistin gearbeitet. Die kleine gepflegte Frau lernte zügig Deutsch und einen neuen Beruf. 2001 bekam sie als Einkaufsmanagerin im Bereich Siemens-Sektor Industry in Nürnberg einen Job im mittleren Management und betreute internationale Projekte: China, Indien, USA. Sie hatte zuletzt eine Budgetverantwortung von 350 Mio. Euro. In Nürnberg lernte sie den Kunsthistoriker Helge Weingärtner kennen. Die beiden heirateten.

Sie wurde von ihren Chefs beschimpft, sagte sie zur TAZ. Dabei sollen Wörter gefallen sein wie “Dreck”, “Schlamperei”, “Araber” und Sätze wie “Du läufst hier wie ein Walross rum” und “Du bringst als Frau ein derartiges Potenzial an Widerstand mit, dass jeder Mann dadurch seine Ehre beleidigt und verletzt fühlt”. So steht das in der Klageschrift, die Grundlage sind E-Mails und das Mobbing-Tagebuch von Sedika Weingärtner. Sie sagt: “Ich wurde als Frau und als Ausländerin diskriminiert. Meine Chefs haben mir den Job zur Hölle gemacht.”

Jetzt verklagt sie ihren ehemaligen Arbeitgeber Siemens wegen Mobbing und Diskriminierung auf eine Million Euro Entschädigung. Dazu kommen Vermögens- und sonstige Schäden sowie die Kosten der außergerichtlichen Rechtsverfolgung. Aktenzeichen 2CA828309. Zuständig ist das Nürnberger Arbeitsgericht. Zunächst wird jedoch Weingärtners Kündigung verhandelt (2 Ca 3484/09). Während des Prozesses, als die Anwälte ihre Argumente vortragen, hält es die 45-Jährige nicht mehr aus. Sie kämpft mit den Tränen, bittet um Gehör und hält ein Plädoyer in eigener Sache: “Warum interessiert heute niemanden, warum mein Ton so scharf war?”, fragt sie und liefert ihre Gründe gleich mit. “Es war unfair, es war unter der Gürtellinie, was diese feinen Herren der Gesellschaft mir angetan haben.” Das Gericht will im März entscheiden, ob Siemens Weingärnter rechtmäßig verhaltensbedingt gekündigt hat.

Das Mobbing hatte 2002 begonnen und endete im Sommer 2009, als ihr gekündigt wurde. Sedika Weingärtner sagt, sie sei über Jahre hinweg gemobbt, diskriminiert und beleidigt worden – nicht durchgängig, aber immer wieder. “Ich war massivem Druck und subtiler Gewalt ausgesetzt. Ich bin krank geworden und musste nach einem Zusammenbruch am Arbeitsplatz sogar in die Klinik. Fast wäre ich gestorben”, sagt Sedika Weingärtner. “Es ist wie ein Trauma. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder richtig arbeiten kann.”

Sedika Weingärtner ist die einzige Frau ihrer Abteilung im mittleren Management. Und Ausländerin. Deshalb, nimmt sie an, wird sie gezielt gemobbt. Sie wird schlechter bezahlt als männliche Kollegen in vergleichbarer Position. Sie sitzt allein an einem Dreiertisch, man redet nicht mit ihr. Als einziger Einkaufsstrategin, die viel unterwegs ist, wird ihr ein Notebook verweigert.

Im November 2002 erleidet Weingärtner einen Schwächeanfall und muss für ein paar Tage ins Krankenhaus. Nach ihrer Rückkehr findet ein Gespräch zwischen Weingärtner und ihrem Abteilungsleiter statt, mit dabei sind Betriebsrat, Sozialberater und Rechtsberater. Der Vorgesetzte entschuldigt sich förmlich – und beginnt daraufhin, sagt Weingärtner, einen “kalten Krieg”.

Den Höhepunkt der Attacken gegen ihre Person erlebte Sedika Weingärtner seit 2004, als sie ihr viertes Kind bekam. “Nach zwölf Wochen Mutterschutz wollte ich wieder arbeiten”, sagt Sedika Weingärtner. Aber bei Siemens wollte man sie nicht mehr haben, ihr wurde geraten, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Sedika Weingärtner lehnte ab. Sie wurde degradiert und in die Poststelle versetzt, sie fühlte sich isoliert. “Ich wurde sogar in Fäkaliensprache beschimpft”, sagt sie. Vom Betriebsrat hatte die Frau zunächst Unterstützung.

Drei Monate nach der Geburt ihres vierten Kindes bietet Siemens Weingärtner drei Optionen an: einen Aufhebungsvertrag, eine dreijährige Auszeit oder eine Versetzung. Sie entscheidet sich für die letzte Variante. Sie muss Arbeiten erledigen, die für Werksstudenten vorgesehen sind, sie macht die Post, trägt Daten in den Computer ein. “Ich empfinde es leider so, dass mir immer mehr anspruchsvolle Aufgaben entzogen werden, ohne einen triftigen Grund”, schreibt sie in sachlichen Worten an ihren Vorgesetzten. Eine Antwort bekommt sie nicht.

Die Spannungen nehmen zu, als Weingärtner 2007 einen neuen Chef bekommt.

Dann kann sie nicht mehr. Sie schlägt plötzlich verbal um sich. Sie schreibt Briefe und E-Mails an den Vorstand, die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, das Familienministerium. Es sind Aufsätze voller Ausrufezeichen und Fettungen, mit Zitaten von Goethe bis Shakespeare. Den Höhepunkt erreicht ihr Ausbruch Ende März 2009. Im Beurteilungsgespräch stellt ihr der Vorgesetzte ein Zeugnis aus, in dem es von angeblichen Unzulänglichkeiten nur so wimmelt. Das Gespräch eskaliert. Noch am selben Abend sendet Weingärtner eine zwei Seiten lange E-Mail an ihre direkten Vorgesetzten und etliche Mitglieder der Geschäftsführung. Titel der Post: “Lebenswerk der unfähigen Führungskräfte”. Ihr Vorwurf an den Teamleiter: Totalversagen und das völlige Unvermögen, ihre Leistungen überhaupt bewerten zu können.

Kurz darauf erhält Weingärtner ein Schreiben der Personalabteilung: Sie sei ab sofort freigestellt. Der Brief zitiert Äußerungen aus ihren Schreiben – unter anderem Nazi-Vergleiche. Weingärtner soll sich entschuldigen, sonst werde ihr gekündigt. Sie entschuldigt sich nicht. Sie wird verhaltensbedingt gekündigt. Der Betriebsrat stimmt der Kündigung zu.

Siemens will sich zu den Vorwürfen derzeit nicht äußern. Ein Sprecher sagte jedoch: “Siemens nimmt diesen Fall sehr ernst. Eine sorgfältige Prüfung, unter Einbindung der Betriebsratsseite und der Beschwerdestellen, hat die erhobenen Vorwürfe nicht bestätigt.” In der Klageerwiderung zum Kündigungsprozess bestreitet der Konzern die Mobbingvorwürfe pauschal: “Die Klägerin sieht alles, was in Bezug auf ihre Person geschah, als Angriff auf ihre Person. Nichts von dem ist zutreffend.”

Vor Gericht wird Sedika Weingärtner von Frank Jansen, Fachanwalt für Antidiskriminierungsrecht, vertreten. Grundlage ihres Mobbingprozesses ist das Antidiskriminierungsgesetz (AGG). Dieses verbietet Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund der Herkunft, des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung und des Alters. In der über 200 Seiten langen Klageschrift ist von „Persönlichkeitsverletzungen in Form von Benachteiligung, Belästigung und Diskriminierung die Rede.

Seit 2006 hat Frank Jansen, zusammen mit Klaus Michael Alenfelder, Professor für Wirtschaftsrecht und Leiter der Forschungsstelle für Arbeits- und Antidiskriminierungsrecht an der Fachhochschule Nordhessen, hunderte solcher Prozesse durchgezogen, allein 50 waren es 2009. “In manchen Fällen gab es bis zu 258 Mobbing-Anklagepunkte”, sagt der Anwalt. Alenfelder hat auch die Schadensersatzsumme in Höhe von 1 Million Euro errechnet. Grundlage für diese Zahlen sind EU-Richtlinien: Das Schmerzensgeld muss so hoch sein, dass es “wirksam, verhältnismäßig und abschreckend” ist. “Eine Entschädigung in der bislang üblichen Höhe von einigen Monatsgehältern steht in keinem Verhältnis zum erlittenen Schaden und bringt kein Unternehmen dazu, Diskriminierung zu unterlassen”, sagt Klaus Michael Alenfelder. Er rechnet es vor: Ein Unternehmen hat einen Jahresumsatz von 10 Milliarden Euro. Wird eine Entschädigung in Höhe von 50.000 Euro gezahlt, macht das lediglich 0,0005 Prozent des Umsatzes aus. Anwalt Alenfelder sagt: “Das ist nicht mal Portokasse.” Die Rechtsanwälte rechnen mit einem langen Prozess über 5 Jahre.

Quelle: TAZ: “Du läufst rum wie ein Walross” und FTD „Mobbing, Siemens und 1 Million.”