Mobbingprozess gegen Siemens – ein Kommentar

04.02.2010 von Inken Wanzek

Der Fall der Sedika Weingärtner ist ungewöhnlich, ungewöhnlich wegen der hohen Schadensersatzforderung und doch ist er alltäglich. Mobbing wird immer mehr zum Arbeitsalltag und zerstört Menschen. Auch der betriebs- und volkswirtschaftliche Schaden ist beträchtlich. Darin sind sich die Experten einig. Doch es ist schwer in Deutschland gegen Mobbing vorzugehen. Deshalb ist der Prozess der Sedika Weingärtner mutig.

Unzählige Mitarbeiter erleben Mobbing, die einen heftiger, die anderen weniger heftig. Es kommt auf die Vorgesetzten an. Unerträglich wird Mobbing, wenn es von oben angeordnet wird, um einen Mitarbeiter aus der Firma zu drängen. Mobbingopfer haben dann keine Chance.

Bei vielen anderen unbekannt gebliebenen begann es wie bei Sedika mit der Rückkehr aus der Elternzeit. Statt Rückkehr gab es einen Brief: Aufhebungsvertrag. Lehnte man diesen ab, ist die Wiedereingliederung ein Kampf, der manchmal in Mobbing endet.

Der Fall von Sedika ist typisch. Es beginnt mit feinen Angriffen, Ausgrenzung folgt, man redet nicht mehr mit der betroffenen Person. Man gibt ihr keine Informationen mehr, bauscht Kleinigkeiten auf, setzt sie permanent psychischen Druck aus und wartet, bis sie Fehler macht. Man gibt ihr das Gefühl unerwünscht zu sein, nichts wert zu sein, degradiert sie und überhäuft sie gleichzeitig mit stupiden Arbeiten, die in der vorgesehenen Zeit nicht zu schaffen sind. Der Mensch wehrt sich, erst sachlich, sucht das Gespräch, sucht die Klärung, schaltet den Betriebsrat ein. Das Mobbing hört nicht auf. Der Betriebsrat wendet sich schließlich ab, beginnt von einem hoffnungslosen Fall zu reden.

Der Betroffene verhält sich immer merkwürdiger, sieht in allem einen Angriff, weil alles ein Angriff ist. Doch diese Angriffe sind fein, für Unbeteiligte oft kaum zu erkennen, einzeln betrachtet täglicher Arbeitalltag, in dem es mal zu Reibereien kommen kann. Doch es ist die Summe, es ist das gezielte Einsetzen, das Herbeiführen von Situationen, die den Betroffenen bedrängen. Man versteht den Gemobbten nicht mehr, will mit ihm nichts mehr zu tun haben, glaubt ihm nicht mehr, wirft ihm vor, sich hineinzusteigern. Die Kollegen, die um das Mobbing wissen, haben Angst, selbst zum Mobbingopfer zu werden, wenn sie dem Betroffenen helfend zur Seite stehen. Das Mobbingopfer verliert nach und nach seine sozialen Beziehungen.

Regeln einer normalen menschlichen Kommunikation gelten plötzlich nicht mehr. Worte werden verdreht, bewusst falsch interpretiert, gegen den Betroffenen gerichtet, egal, was er sagt. Das Gleiche heute gesagt, wird morgen anders ausgelegt. Der Mensch verliert seine soziale Orientierung.

Zunächst ist der Schrei stumm. Bei den einen bleibt er stumm. Diese gehen oder werfen sich vor einen Zug. Bei den anderen, den Starken, wie die Psychologen meinen, bricht dieser Schrei plötzlich hervor – wie bei Sedika. Sie rufen um Hilfe, schreiben Briefe, in denen sie nach Vergleichen suchen, die ihr Leid ausdrücken. Sedika verglich ihr Leiden mit denen der Juden im Dritten Reich, ein Vergleich, der für einen Außenstehenden gehässig erscheinen mag, für den Betroffenen sich aber aufdrängt.

Und wohin werden die Briefe geschickt? An einen „Mächtigen“, von dem die Betroffenen glauben, dass er dies, was ihnen geschieht, nicht zulassen kann, dass er diesem Tun Einhalt gebieten muss, weil – so glaubt das Opfer der psychischen Schikanen – es einen Menschen berühren muss. Doch was geschieht in der objektiven Wirklichkeit der Außenstehenden? Die Worte, die in Verzweiflung geschrieben werden, werden gedreht und gewendet, werden gegen das Opfer gerichtet. Beleidigungs- und Schmähungsabsichten werden gesehen. Es folgt die verhaltensbedingte Kündigung. Und wie urteilt der unbeteiligte Außenstehende. Er sagt: Das kann man nicht schreiben. Das geht zu weit und er ist überzeugt davon, dass er recht hat.

“Warum interessiert heute niemanden, warum mein Ton so scharf war?”, fragt sie und liefert ihre Gründe gleich mit. “Es war unfair, es war unter der Gürtellinie, was diese feinen Herren der Gesellschaft mir angetan haben.”

Der Richter, wo wird er sich hinneigen, nur zu dem Offensichtlichen, dem Sachlichen, das den unsachlichen Schrei als Beleidigung und Schmähung brandmarkt, oder wird er sich dem Tun zuneigen, dass diesen Schrei hervorgerufen hat?