NSN: Wachstum und Krise

16.02.2010 von Inken Wanzek

Es gleicht einem Ping-Pong-Spiel. Kaum gibt der Siemens CFO, Joe Kaeser, negative Nachrichten über Nokia Siemens Networks heraus, spielt Rajeev Suri den Ball zurück und äußert sich positiv über das Unternehmen. Es kommt wohl auf die Sichtweise an.

Joe Kaeser sagte am 10.02.2010, Nokia habe beim Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks weiteren Anpassungsbedarf angemeldet. Langfristig müsse sich Siemens aber überlegen, ob der Konzern noch in den Telekommunikationsgeschäften beteiligt sein müsse. “Die Belastungen dürften in den nächsten Quartalen kommen, einige bereits im laufenden Quartal”.

Suri kontert “Wir werden aber wachsen und profitabel sein.

Im Vorfeld der größten Mobilfunkmesse der Welt, dem Mobile World Congress in Barcelona, sprach NSN CEO Rajeev Suri mit der Tageszeitung „Der Welt“ über den künftigen Kurs des Unternehmens.

Suri setzt auf Wachstum

Es stimmt, dass ein Teil des vergangenen Jahres schwierig war, sowohl für die Gesamtwirtschaft als auch für unser Unternehmen“, sagte NSN-Chef Rajeev Suri der Tageszeitung Die Welt. Suri sieht im vergangenen Quartal jedoch positive Anzeichen. Dies sei profitabel gewesen. Aber jeder weiß, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Suri will die verlorenen Marktanteile zurückerobern und sie weiter ausbauen. “Der Markt wird unserer Einschätzung nach in diesem Jahr stagnieren“, sagte Suri. “Wir werden aber wachsen und profitabel sein.” Eine vorsichtige Einschätzung, verbunden mit leichtem Optimismus und dann die üblichen Manageraussagen über den Willen zu Wachstum und Profit.

Journalisten der Tageszeitung Die Welt hakten nach: Siemens und Nokia hätten den NSN-Kunden in einem Brief ihre weitere Unterstützung mitgeteilt. „Spricht ein solcher Brief nicht schon Bände?“ Suri entgegnete: „Man muss Gerüchten mit Fakten begegnen. Unsere Kunden waren besorgt, nicht zuletzt wegen der Spekulationen in den Medien. Aber natürlich auch wegen der Abschreibungen. Und natürlich: Wir wollten unseren Mitarbeitern zeigen, dass man immer noch zu uns steht.

Joe Kaesers Worte, die jünger sind als dieser Brief an die Kunden: „Langfristig müsse sich Siemens aber überlegen, ob der Konzern noch in den Telekommunikationsgeschäften beteiligt sein müsse“ scheinen an Suri abzuprallen. Als Die Welt ihn zu einem möglichen Rückzug von Siemens aus dem Joint Venture fragte: „Glauben Sie, dass Siemens in fünf Jahren noch Teil des Joint-Ventures ist?“, antwortete Suri ausweichend: „Das müssen Sie Siemens fragen.“ Die Überzeugung bröckelte ein wenig. Doch er fügte hinzu: „Beide Unternehmen haben uns neues Kapital gegeben. Für mich ist das das Ende der Diskussion.” Für Joe Kaeser scheint es dies nicht zu sein. Die Worte Suris wirken ein wenig wie Augen zu und durch, es wird schon gut gehen.

Dienstleistungen oder Netzausrüster?

Suri bekannte sich klar dazu den Aufbau von Mobilfunk- und Festnetzen weiterzuverfolgen und es nicht anderen zu überlassen. Als er ins Detail ging, nahmen Dienstleistungen jedoch eine große Bandbreite ein. Obwohl zurzeit die meisten Mobilfunkanbieter ihre Netze selbst betreiben, ist Suri von einer Trendwende überzeugt. „Tatsächlich haben die Ausrüster erst zehn Prozent dieses Marktes erobert. Aber es gibt für die Netzbetreiber noch viele Gründe, diesen Schritt zu gehen. Sie wollen keine großen Organisationen aufbauen“, gab Suri als einen der Gründe an. Dies träfe vor allem auf Anbieter zu, die ein Netz neu aufbauen müssen. „Dann gibt es die, die den Netzbetrieb nicht mehr als ihr Kerngeschäft ansehen und lieber mit Internet-Unternehmen konkurrieren. Andere haben nicht die finanziellen Möglichkeiten für umfangreiche Netzinvestitionen. Wir betreiben weltweit mehr als 230 Netze und betreuen über 300 Millionen Mobilfunknutzer in diesen Netzen. Es entscheiden sich immer mehr Anbieter für uns.

Offensichtlich setzt Suri beim angestrebten Wachstum verstärkt auf diese Dienstleistungen, hier erwartet er die Margen, die NSN nach vorne bringen sollen.

Bedeutung des europäischen Marktes und Arbeitsplätze

Suri schätzt den europäischen Markt nach wie vor als sehr wichtig ein. „Es ist unser Heimatmarkt“, sagt er. Die Margen sind gut. Mobiles Breitband wächst hier stärker als in Brasilien, China und Indien. Das gleiche gilt für das Outsourcing des Netzbetriebes.

Der Markt ist das eine, die Arbeitsplätze sind das andere. Man muss davon ausgehen, dass sie früher oder später auch im Dienstleistungsgeschäft mitmischen werden. Auf dem Dienstleistungsmarkt tummeln sich viele, auch die chinesische Konkurrenz. Das Betreiben der Netze muss also kostengünstig erfolgen. Und so ist damit zu rechnen, dass diese Dienstleistungen von Niedriglohnländern aus erbracht werden.

Es ist zu erwarten, dass Huawei noch stärker auf diesem Gebiet tätig werden wird. „Wir können allerdings“, so Suri, „nur beeinflussen, wie sehr wir bis dahin in Führung gegangen sind. Das ist kein leichtes Geschäft. Wir sind bereits durch mehrere Phasen gegangen. Vor fünf Jahren haben wir gelernt, was es bedeutet, rund um die Uhr an jedem Tag der Woche ein Netzbetreiber zu sein. Dann ging es darum, dieses Geschäft effizient zu gestalten und weitgehend zu automatisieren. Wir haben unsere Netzkontrollzentren inzwischen in Indien und Portugal. In der dritten Phase ging es darum, auch dort vertreten zu sein, wo wir überhaupt keine Netze ausgerüstet haben. Auch das ist uns erfolgreich gelungen.

Stellenabbau

Zum Abbau von 5700 Mitarbeitern befragt und was dies für Deutschland bedeute, gibt Suri sich bedeckt. „Wir sind mit unseren Plänen noch nicht so weit, dass wir weitere Details geben können.“ Die Ankündigung ist vom vergangenen Jahr, man scheint auf etwas zu warten.

Doch der Fakt bleibt: Siemens will seine Beteiligung an NSN so schnell wie möglich loswerden. Und mit den Siemens-Beteiligungen ist alles, was ehemals Com war, verbunden. Betrachtet man dies, sind die Aussagen von Kaeser und Suri vielleicht doch nicht so konträr wie sie erscheinen mögen. Die Frage ist: Wo wird das Wachstum stattfinden? Wo werden die Arbeitsplätze entstehen? In Europa wohl eher nicht. Der Siemens CEO, Peter Löscher, sagte in seiner einleitenden Rede auf der Hauptversammlung sinngemäß, nach der Wirtschaftskrise sehe die Welt anders aus, die Zukunft liege in Asien. Und dazu passt auch die Aussage von Rajeev Suri.

NSN hat tatsächlich die Chance, in Asien zu wachsen. Doch ob Suri, die europäischen Mitarbeiter dazu braucht, ob er die Ex-Siemens Com Mitarbeiter dazu braucht, deren Produkte vielfach Nokia Produkten zum Opfer fielen, ist fraglich.

Wie war es früher, als die Märkte ihren Schwerpunkt in Europa und nicht in Asien hatten? Man richtete in Asien Landesgesellschaften ein, die den Vertrieb vor Ort übernahmen, Vor-Ort-Service boten, alles andere lief in Europa. Wie ist es heute? Die Asiaten haben in den letzten Jahren technisch massiv aufgeholt und sind vor allem wesentlich preisgünstiger. Was wird man tun: Man wird den Schwerpunkt weiter nach Asien und andere Schwellenländer verlagern und in Europa Landesgesellschaften errichten, die den Vertrieb und den Vor-Ort-Service sicherstellen. Und so betrachtet erscheint es plötzlich nicht mehr als Widerspruch, wenn Siemens den Ausstieg aus NSN und damit aus den Com-Altlasten favorisiert und Rajeev Suri von Wachstum spricht.

Überleben werden die ersten drei

Insgesamt gibt sich Suri optimistisch: „Wir werden stabile Preise sehen“, sagte er. „Wir sind inzwischen in drei Bereichen unterwegs, die unterschiedlich wettbewerbsintensiv sind: Software und Beratung, Wartung und Betrieb und der Ausrüstermarkt, der sicherlich am stärksten umkämpft ist. Wer nicht rechtzeitig wettbewerbsfähig ist, wird auch insgesamt verlieren.

Dann musste er einräumen, allerdings gebe es mit Ericsson, Alcatel-Lucent, Huawei und ZTE zu viele Mitspieler im Markt. “Das wird langfristig nicht so bleiben“, sagte er. Es sei wahrscheinlich, dass drei stärkere Anbieter übrig bleiben. Nokia Siemens Networks werde einer davon sein. Vor allem die vierte Mobilfunkgeneration LTE (Long Term Evolution) könne Marktanteile verschieben.

Was hat Suri nun Neues gesagt? Nicht viel. Das Rennen um die drei ersten überlebenswichtigen Plätze ist nach wie vor unentschieden. NSN ist dabei auf Platz vier. Ob eine Bronzemedallie noch drin ist wird die Zukunft zeigen. Und wie die Zukunft für die NSN-Mitarbeiter aussehen wird, ist nach wie vor offen.