Wenn es einen trifft!

28.02.2010 von Inken Wanzek

Die Nachricht kommt: „Wir haben keine Arbeit mehr für Sie. Packen Sie Ihre Sachen und ziehen Sie um.“ Oder ein Brief erreicht einen, in dem steht: „Ihr Arbeitsplatz entfällt. Sie haben die Wahl zwischen Aufhebungsvertrag und Beschäftigungsgesellschaft.“

Der Schock ist da! Panik bricht aus, man läuft wie aufgescheucht herum, redet, klammert sich an dieses und jenes, saugt gierig Worte ein, die sagen, es wird alles gut, wartet ab, dann läuft man zurück. Wo gibt es Informationen, was kann ich tun? Hin und her. Her und hin. Glücklich hält man die Informationen in den Händen und dann kommt die Frage, bohrend: Ist das alles richtig? Gibt es noch mehr Informationen? Schade ich mir, wenn ich widerspreche oder gar vor Gericht gehe? Panikartig wirft man die Informationen weg, greift wieder nach beruhigenden Worten und der Kreislauf beginnt von vorne. Man ist erschöpft, körperlich und seelisch, die eigene Panik vertreibt den Schlaf.

„Das kann nicht sein!“, „Es muss ein Irrtum sein“, „das Beste ist nichts zu tun, abzuwarten.“ Verdrängen. Es geht einem besser. Für eine Nacht schläft man wieder. Am nächsten Tag gelingt die Zerstreuung, der Ausflug mit der Familie war schön. Dann sind sie wieder da, die bohrenden Gedanken, hinwegdrängen will man sie, doch sie lassen sich nicht verdrängen. Sie jagen einen wieder. Man will sich nicht mit der Sache auseinandersetzen. Man will einfach nicht. Man kann nicht. Man will, dass jemand für einen das Problem löst und wenn er es nicht tut, ja dann, dann kann man ihm nicht vertrauen, denn es muss doch jemanden geben, der es ehrlich mit einem meint und hilft. Die Informationen, wo sind sie? Weggeworfen, doch nicht von mir?! Ich, ich kann doch nichts tun.

Wut. Wut auf alles. Wut auf jeden. Wut gegen sich selbst. Wut, weil kein Wunder geschieht. Wut, weil nicht alle das Selbe sagen. Wo ist die Einheit? Die Menschheit muss doch einig sein, wenn ich das brauche. Ich brauche die Einheit, ich brauche einen breiten Weg. Einen! Wut, weil die anderen nicht sagen, was ich hören will. Was will ich hören: Es wird alles gut. Es ist doch so einfach. So schön ist es, wenn jemand sagt: Warte. Warten, ja das will ich. Warten bringt Ruhe. Doch da sind sie wieder die Gedanken, die nicht warten. Wut auf die Gedanken, die nicht aufhören. Wut bis zur Erschöpfung.

Traurigkeit. Meine Energie ist dahin. Traurig. Ich stehe alleine da. Die Informationen, wer gab sie mir, wären sie doch richtig gewesen? Wer weiß das schon. Woher sollen die anderen, die sagen, dass sie mir helfen wollen, wissen, wie ich mich fühle. Ruhe, ich will Ruhe, will, dass es wieder so wird, wie es einmal war, will nicht hören, dass es mich getroffen hat und dass es nicht mehr so sein wird, wie es einmal war. Ich will das nicht. Ich will es einfach nicht. Ist es da nicht das Beste, nichts zu tun? Nichts zu tun entfernt mich am Wenigsten von der alten heilen Welt, die doch nicht einfach verschwunden sein kann. Ich liege im Boot, ohne Ruder. Es treibt, es treibt wohlig, es treibt den Fluss hinab, doch ich sehe es nicht, weil ich nicht aufstehe. Ich will nicht sehen, wie das Boot von der alten heilen Welt wegtreibt. Ruder. Hatte mir nicht mal jemand Ruder gegeben, gesagt, er werde mich lehren, auf diesem Fluss zu rudern, mir sagen, wo Stromschnellen sind? Ich hatte es aufgeschrieben. Wo ist der Zettel. Ich weiß es nicht mehr.

Dann rumpelt das Boot ans Ufer. Zufällig? Nein, jemand hat es gestoppt. Ich höre einen Wasserfall rauschen. Er ist ganz nah. Das Boot stoppt abrupt. Wer ist so grob zu mir? Ich habe mich am Knie verletzt. Es tut weh. Ich kann nicht aufstehen. Der Fremde zieht mich hoch. Ich kann aufstehen. Der Wasserfall rauscht immer noch. Ich habe die Wahl, sagt der Fremde: Entweder ich gehe mit ihm über das Land, oder ich treibe weiter. Ich kann den Wasserfall hören. Und als ich sage: Ich kenne dich nicht, sagt er, der dritte Weg ist: Du harrst hier aus. Ich harre aus, der Fremde geht. Er weiß, es hat keinen Sinn, wenn jemand nicht gehen möchte. Ob er wiederkehrt? Ich hoffe es. Warum ich das hoffe? Ich weiß es nicht – oder doch, ahne ich, dass es manchmal besser ist, aufzustehen und zu gehen und zu vertrauen, wenn jemand sagt: Ich kann dir einen Weg zeigen.

Und da sind sie wieder die Gedanken. Und die drei Wege. Es liegt an mir. Ich bin plötzlich ruhig. Es liegt an mir, zu treiben, zu verharren oder einen Weg zu gehen, der mich hier herausführt. Ich begreife es. Der Fremde, er ist dort entlang gegangen. Ich werde ihn wieder treffen, aber zurückkommen wird er nicht. Ich stehe auf. Ich kann es, obwohl das Knie noch schmerzt. Ich gehe, obwohl ich Angst vor dem unbekannten Weg habe. Ich spüre den Weg unter meinen Füßen. Ich spüre das Ziel. Ich spüre es gibt eine Lösung, die nicht nur aus leeren Worten besteht. Der nächste Schritt, dann wieder einer. Ich gehe vorwärts. Und plötzlich weiß ich: Der Weg ist richtig.