Analyse: Kurzarbeit und Positionen

10.03.2010 von Inken Wanzek

In einer E-Mail von Lydia Sommer und Olaf Horsthemke vom 4.3.2010, die an alle NSN-Mitarbeiter in Deutschland ging, heißt: „Wir erwarten, dass vorerst rund 600 Positionen in Deutschland von Kurzarbeit betroffen sein werden.“ Das Betreff der Mail war: „Erste Ergebnisse der globalen Personalbestandsprüfung – Deutschland plant Einsatz von Kurzarbeit.“ Die Zahl 600, die bereits in der Presse steht, ist also ein Ergebnis einer NSN überspannenden Personalstandprüfung und keine lokale Entscheidung.

Aber, so fragt sich der aufmerksame Leser, warum wird hier von „Positionen“ gesprochen und nicht von Mitarbeitern, was im Zusammenhang mit Kurzarbeit nur natürlich wäre. Gestern nun erreichte uns die Nachricht, dass in der Betriebsversammlung in Berlin zum Thema Kurzarbeit auf einer der Folien, die Horsthemke dort zeigte, dieser Fakt deutlich hervorgehoben wurde. Dort stünde, so hieß es: „600 Positionen (Funktionen) – nicht MA!“.

Daraus würde folgen: 600 Positionen sind nicht mit Mitarbeitern gleichzusetzen, sondern mit Funktionen in den Betrieben. Was aber könnte das bedeuten?

Bei NSN gibt es Positionen (Funktionen), in die alle Mitarbeiter eingruppiert sind, beispielsweise R&D Engineer 4 oder Software Development. Wenn mit Positionen (Funktionen) diese Klassifizierung gemeint ist, dann könnte der Ausdruck 600 Positionen, wie er in der E-Mail von Lydia Sommer und Horsthemke verwendet wurde, eine neue Dimension bekommen. Auffällig ist, dass bei den Mitarbeitern ohne Arbeit vor kurzem erst die Funktionen ohne plausible Begründung geändert wurden.

Nehmen wir einmal geschätzt an, dass durchschnittlich 7,5 Mitarbeiter einer Position (Funktion) von Kurzarbeit betroffen sein werden, dann ergibt dies 4500 Mitarbeiter, das hieße, es wären 4500 Mitarbeiter an fünf Standorten (Berlin, München, Greifswald, Düsseldorf, Leipzig) von Kurzarbeit betroffen. Zugegeben, eine sehr große Zahl, bei der man geneigt ist, sie zunächst nicht zu glauben.

Legt man jedoch die Anzahl des global angesetzten Personalabbaus von 7 bis 9 Prozent der weiteren Betrachtung zugrunde, ergibt sich ein Abbau von circa 6000 Mitarbeitern weltweit. Die meisten davon sollen, wie NSN bereits bekannt gab, in Finnland und in Deutschland abgebaut werden. Nimmt man weiter an, dass etwa 5000 auf beide Länder entfallen und zieht die 450 Mitarbeiter in Finnland, die definitiv entlassen werden sollen, ab, verbleiben 4500 Mitarbeiter. Zugegeben die Zahl 5000 Mitarbeiter, die in Finnland und Deutschland abgebaut werden sollen, ist eine Annahme, nicht mehr und nicht weniger, aber sie ist nicht unwahrscheinlich aufgrund der Aussagen über den Personalabbau, der massiv in Deutschland und Finnland seit November 2009 geplant ist. Gestützt wird diese Annahme durch die Aussage, die in einem NSN-Papier auftaucht: Parallel zur Kurzarbeit sollen die Betriebs- und Fertigungsgemeinkosten unter anderen in Bereichen wie Real Estate und Informationstechnologie sowie die Verwaltungskosten gesenkt werden. Weiter ist geplant „Standortoptimierungen und strategische Neuausrichtungen des Personalstandes“ durchzuführen. Eine Neuausrichtung des Personalstandes ist sicherlich keine Kleinigkeit, von der lediglich relativ wenige Mitarbeiter betroffen sein werden.

Wenn beispielsweise standortbezogen Entwickler in Kurzarbeit Null gehen sollten, sie bereits jetzt mit Polen, Indien oder den Chinesen zusammenarbeiten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass in einer 18-monatigen Kurzarbeit (wenn sie denn so lange dauert) die Arbeiten komplett aus Deutschland abwandern. Neue Aufgaben werden, nach Aussage der Betriebsleitung zumindest in München, und in Berlin dürfte es nicht anders sein, nicht angesiedelt.

10.3.2010, 8:38

Disclaimer für zukunftsgerichtete Aussagen: Dieser Artikel enthält in die Zukunft gerichtete Aussagen und Informationen – also Aussagen über Vorgänge, die in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit, liegen. Diese zukunftsgerichteten Aussagen sind erkennbar durch Verwendung des Konjunktivs oder einschränkende Formulierungen wie „möglich“, „beispielsweise“ oder ähnliche Begriffe. Solche vorausschauenden Aussagen beruhen auf den heutigen Einschätzungen der Redaktion, auf bekannten Fakten und bestimmten Annahmen. Sie bergen daher eine Reihe von Risiken und Ungewissheiten. Eine Vielzahl von Faktoren, von denen zahlreiche außerhalb des Einflussbereichs der Redaktion liegen, beeinflusst die tatsächlichen Abläufe und Szenarien. Diese Faktoren können dazu führen, dass die prognostizierten Ergebnisse unserer Analyse wesentlich von später tatsächlich eintretenden Ereignissen abweichen können.