SIS: Aufgeben – Nein Danke!

19.03.2010 von Inken Wanzek

Gestern Mittag erhielten die SIS-Mitarbeiter eine E-Mail, in der ihnen zeitgleich mit den Medien die Restrukturierung bei SIS angekündigt wurde.

Aus der Presse war bereits zuvor zu entnehmen, dass in Deutschland bei SIS ein massiver Stellenabbau bevorsteht. Unruhe, Angst verbreitet sich in der Belegschaft, erste Demos wurden organisiert.

Dann die Mail des SIS Management, derer zweiter Absatz beginnt mit:

„Beginnen möchten wir mit einer sehr starken Botschaft des Konzerns an unsere Kunden, die Konkurrenz und alle unsere Mitarbeiter: Die Siemens AG plant in den kommenden Quartalen mehr als 500 Mio. Euro in Siemens IT Solutions and Services zu inverstieren.“

Diese Botschaft wirkt auf viele Mitarbeiter wie ein Ohrfeige angesichts des geplanten Abbaus von über 2.000 Arbeitsplätzen in Deutschland und weltweit 4.200. Voraussetzung für die „sehr starke Botschaft“ der Siemens AG ist der Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen. Unsensibler kann man eine Mitteilung, an deren Ende die Ankündigung eines Kahlschlags steht, nicht einleiten.

In der E-Mail heißt es weiter, dass das das branchenspezifische Portfolio selektiv gestärkt werden müsse. Selektiv aber bedeutet, dass es Bereiche bei SIS geben wird, die wohl vollständig aussortiert werden, Bereiche, in denen die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren sollen.

„Wir müssen endlich und schnell unsere Hausaufgaben … und vor allem wettbewerbsfähige Kostenstrukturen machen“, heißt es weiter. Ist das ein Offenbarungseid des SIS-Managements? Wieder einmal sollen Mitarbeiter, wie so oft in Konzernen, ihren Arbeitsplatz verlieren, nur weil das Management Entwicklungen verschlafen hat, Investitionen nicht oder zu spät gemacht wurden. Hätten die 500 Mio. Euro, die Siemens jetzt in die Hand nehmen will, nicht schon wesentlich früher investiert werden müssen, um die SIS konkurrenzfähig zu machen. Vielleicht hätte das den Abbau von vielen Arbeitsplätzen erspart und Menschen die Existenzgrundlage erhalten.

So aber kann man es nicht mehr hören. Immer wieder das gleiche Lied, um Stellenabbau zu rechtfertigen: „Um all dies anzugehen, werden wir uns im Kern auf drei Hebel konzentrieren: Die Etablierung einer ausgeprägten Markt- und Kundenorientierung, die unmittelbare Schaffung einer stark vereinfachten und transparenten Organisation und die Optimierung unserer Kosten- und Qualifikationsstruktur.“ Unwillkürlich fragt man sich, war denn alles, was bei SIS bisher lief, falsch?

Passieren tut in der Praxis dann immer wenig, wenn der Stellenabbau abgeschlossen ist. Die Organisationsdiagramme ändern sich, von den Prozessen, die neu definiert werden sollen, hört man bald nichts mehr. So gerade bei NSN, deren große Umorganisation Anfang Januar abgeschlossen wurde, um schlagkräftiger und konkurrenzfähiger zu werden. Bei den Mitarbeitern kommt hier nichts an, sie merken nichts von der großen Innovation der Umorganisation. Auch bei NSN ist es nur erneuter Stellenabbau, der im Raum steht. Bei SIS wird das wohl auch nicht anders sein, befürchten jedenfalls die Mitarbeiter, manchen ist es egal, denn sie fürchten, dass ihr Arbeitsplatz der diesjährigen Abbauwelle bei SIS zum Opfer fällt. Da tröstet es wenig, wenn es am Ende der E-Mail heißt: „Wir planen diesen Stellenabbau zunächst auf freiwilligen Maßnahmen basieren zu lassen und so sozialverträglich wie möglich umzusetzen.“ Inzwischen hat jeder begriffen, dass „sozialverträglich“ nur ein anderes Wort für Entlassung und für den Verlust des Arbeitsplatzes ist. „Dabei ist uns die Intensität dieser Maßnahmen durchaus bewusst.“ Dies bezweifeln wir. Der Arbeitgeber hat keine Vorstellung davon, was dieser Stellenabbau emotional und finanziell für den einzelnen Mitarbeiter bedeutet. Wäre es ihm bewusst, würde er anders handeln.

„Für ein selbständiges, nachhaltiges erfolgreiches und dem enormen Wettbewerbsdruck gewachsenes Unternehmen Siemens IT Solutions and Services existieren jedoch dazu keine Alternativen.“ Da sind sie wieder die Worte, die sich jährlich wiederholen und denen jährlich in vielen Konzernunternehmen von Siemens Stellen zum Opfer fallen. Siemens hat sich von der sozialen Verantwortung endgültig verabschiedet. Sie ist nicht mehr notwendig für das Image – im Gegenteil. Stellenabbau ist alltäglich geworden.

Zurückbleiben Menschen, die um ihre Existenzgrundlage bangen, die kämpfen, hoffen, dass das Echo der Öffentlichkeit ihnen hilft, ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Was die Arbeitnehmer aber darüber hinaus noch lernen müssen, ist ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, dort Nein zu sagen, wo sie es können und dort vor das Arbeitsgericht zu ziehen, wo sie es müssen, um zu überleben.

Tun sie dies nicht, ist alle Öffentlichkeit vergebens. Die Öffentlichkeit aber kann konsequentes und mutiges Tun sichtbar machen. Aufgeben – Nein Danke! Das gilt für die SIS-Mitarbeiter genauso wie für die Mitarbeiter der Siemens AG, genauso wie für die NSN Mitarbeiter und viele andere, die jedes Jahr neu hören: „Wir bedauern, ihnen mitteilen zu müssen … Es ist leider unumgänglich …“ Ein Serienbrief, bei dem nur und Abbauzahl ausgetauscht werden.

Darum sei es noch mal wiederholt: Aufgeben – Nein Danke!