NSN-Szenario auf Basis SIS-Modell

05.04.2010 von Inken Wanzek / Christine Rosenboom

Im Januar haben wir, basierend auf den uns damals vorliegenden Fakten, das Verkaufs-/Betriebsschließungsszenario analysiert und als das wahrscheinlichste eingestuft.

Inzwischen hat die erste Stufe (Kurzarbeit) dieses Szenarios wie vorhergesagt termingerecht begonnen. Neue Fakten, einschließlich des SIS-Modells, mit dem Siemens die Sanierung und Trennung von der SIS vorantreibt, haben uns dazu veranlasst, das Verkaufs- / Betriebsschließungsszenario weiter zu konkretisieren.

(Anteils-) Verkauf von NSN

Alles deutet darauf hin, dass wie bereits beschrieben am 15.4.2010 entweder der Verkauf des NSN-Konzerns z.B. an einen Wettbewerber wie ZTE (mit Betriebsübergang) oder ein Anteilsverkauf (Share Deal) an einen Finanzinvestor bekannt gegeben wird. Die Hinweise, die wir haben, deuten eher auf einen Share Deal, also ein Anteilsverkauf, an einen Finanzinvestor hin.

Für die Mitarbeiter würde ein Share Deal bedeuten, dass kein Betriebsübergang stattfinden würde. Der nachträgliche Widerspruch gegen den Betriebsübergang von Siemens zu NSN wäre dann nicht sofort, sondern erst bei Bekanntgabe einer möglichen Betriebsschließung zu machen. Bei einem Verkauf mit Betriebsübergang wäre der nachträgliche Widerspruch dann zu machen, wenn der Betriebsübergang per Unterrichtungsschreiben angekündigt wird.

Unabhängig davon, ob es sich um einen Komplett-Verkauf des Konzerns oder um einen Share Deal handelt, dürfte folgendes Szenario ablaufen:

Kurzarbeit

Die Phase „Kurzarbeit Null“, also Zwangs-beE, wurde wie bereits von uns im Januar vorhergesagt, pünktlich zum 1.4.2010 vereinbart. Das in der Betriebsvereinbarung fest verankerte Datum 15.9.2010 für einen möglichen Beginn der Verhandlungen über einen IA/SP deutet darauf hin, dass die Kurzarbeit nicht bis zum 31.3.2010 dauern wird. Wenn, wie Anlage 1 der Betriebsvereinbarung belegt, 406 Mitarbeiter in Kurzarbeit Null und weitere 870 Mitarbeiter in Kurzarbeit 50 Prozent gehen, dann ist das vereinbarte Kontingent von 600 MJ in 8,5 Monaten, also Ende Dezember 2010, bereits eingespart worden. Auffällig ist, dass auch Berlin zu diesen 600 MJ beiträgt, obwohl diese bereits München voll erfüllen muss.

Wir gehen daher weiter davon aus, dass die Kurzarbeit, wie von uns im Januar vorhergesagt, am 30.9.2010, spätestens aber am 31.12.2010, wieder endet.

Aufspaltung in Bad Company und Good Company analog SIS-Modell

In der Zwischenzeit, so haben wir im Verkaufs-/Betriebsschließungsszenario vorhergesagt, werden noch brauchbare Teile abgespalten. Dies passiert vermutlich wie bei der SIS durch einen Betriebsübergang in eine Good Company (NSN NewCo). Die Bereiche, die NSN nicht weiter benötigt, werden einfach in der NSN GmbH & Co. KG (Bad Company) verbleiben.

Die Aufspaltung in Good Company und Bad Company bewirkt, dass mit der Good Company eine zumindest teilsanierte Firma entsteht. Daher ist die Good Company (NSN NewCo) wegen fehlender „Altlasten“ interessanter für einen potenziellen Käufer (Wettbewerber, Finanzinvestor). Die Wahrscheinlichkeit eines schnellen Verkaufs ist damit deutlich erhöht. Siemens und Nokia können dann schneller aus der Beteiligung am NSN-Konzern aussteigen.

Die Zeit für NSN drängt. So hat NSN, nach Aussage von Rajeev Suri in seinem Video vor etwa zwei Monaten, nur ein Jahr Zeit, um NSN wieder auf Kurs zu bringen. Joe Kaeser sagte am 10.2.2010 der Börsen-Zeitung gegenüber, Nokia habe beim Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks weiteren Anpassungsbedarf angemeldet. Langfristig müsse sich Siemens aber überlegen, ob der Konzern noch in den Telekommunikationsgeschäften beteiligt sein müsse. “Die Belastungen dürften in den nächsten Quartalen kommen, einige bereits im laufenden Quartal [Anm.: erstes Quartal 2010]”, sagte Kaeser. Es dürfte also nicht mehr lange dauern, bis die Spaltung der NSN GmbH & Co. KG bekannt gegeben wird. Diese Maßnahme könnte auch Voraussetzung für den Verkauf des NSN-Konzerns bzw. für den Einstieg eines Finanzinvestors sein.

Schließung der Bad Company

Da die Verhandlungen zu einem Interessenausgleich / Sozialplan ab 15.9.2010 starten können, könnten diese zum 1.10.2010 bereits abgeschlossen sein. Die Kurzarbeit in der Bad Company könnte mit einer Ankündigungsfrist von zwei Wochen ebenfalls zum 1.10.2010 beendet werden. Damit könnte die Schließung der Bad Company mit dem Start einer 1-jährigen beE, beispielsweise am 1.10.2010 und ggf. Kündigungen für beE-Verweigerer spätestens im Januar 2011 durchgeführt werden. Dann würde die beE pünktlich mit dem Ende des Siemens-Geschäftsjahres auslaufen. Auch die maximale Kündigungsfrist von 7 Monaten wäre dann am 31.8.2011 beendet, ebenfalls vor Ende des Siemens-Geschäftsjahres. Damit hätte Joe Kaeser seine Zusage, NSN werde die Siemens Bilanz nur noch zwei Jahre belasten, eingehalten.

Bei Ankündigung der Betriebsschließung ist auch noch ein nachträglicher Widerspruch gegen den Betriebsübergang von Siemens nach NSN möglich, wenn zuvor keine beE/Aufhebungsvertrag unterschrieben wurde. Mit der Ankündigung der Betriebsschließung müssen die Mitarbeiter folglich die Entscheidung treffen, ob sie das Unternehmen mit einer beE/Abfindung verlassen oder einen nachträglichen Widerspruch gegen den Betriebsübergang von Siemens zu NSN machen wollen.

Personalabbau und Weiterführung der Good Company

Wenn Bereiche abgespalten werden, bleiben in allen übergehenden Teil-Betrieben Mitarbeiter übrig, die jetzt schon keine Arbeit haben (Kurzarbeit Null und 50 Prozent). Da auch keine neuen Aufgaben in Deutschland angesiedelt werden sollen, ist mit einem weiteren Stellenabbau in der Good Company zu rechnen. Dieser dürfte voraussichtlich wie üblich über sozialverträgliche Maßnahmen ohne Kündigungen erfolgen.

Grafik: Szenario_Finanzinvestor

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