Was Huawei über China erzählt

27.04.2010 von Inken Wanzek

Die Wirtschaftswoche berichtete in ihrer Print-Ausgabe vom 22.3.2010 unter im Artikel „Im Rachen des Drachens“ über Chinas Expansionsstrategien, die für die westliche Wirtschaft immer mehr zu einer Bedrohung werden.

Targeting

Targeting heißt das Schlagwort, dass die chinesische Wirtschaftsexpansionen beschreibt. Es bedeutet frei übersetzt: Anpeilen, Angreifen und Ausschalten. Mit dieser Strategie wollen chinesische Unternehmen weltweit Zukunftsmärkte erobern. Unterstützt werden sie dabei vom chinesischen Staat, der reichlich Gelder zuschießt.

Vorreiter dieser Strategie ist Huawei, gefolgt von ZTE, die beide schnell vom unbekannten Telekommunikationsunternehmen zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten aufgestiegen sind. Dumpingpreise, Niedriglöhne und Milliardenkredite ermöglichen es den Chinesen, lukrative Aufträge an Land zu ziehen.

Ziel: Global Champions

Dahinter steckt Absicht, nicht nur um den Telekommunikationsmarkt zu erobern. Die chinesische Reagierung möchte bis Ende 2010 in China 30 bis 50 Global Champions schaffen, die das Potenzial zum Weltmarktführer haben. So hat China viele Länder und Branchen im Visier. In Deutschland stehen im Fokus der Chinesen die IT, Elektronik, Baumaterialien, Präzisionsinstrumente, Solarindustrie, Flugzeuge. In Großbritannien zielt das Targeting auf die Biomedizin, Computer und Flugzeuge ab. Die Liste lässt sich beliebig verlängern, erfasst ist die gesamte westliche Wirtschaft, zumindest das, was für die Zukunft interessant ist. Dabei ist das bloße Kopieren der Anfangszeit in den Hintergrund gerückt. Jetzt setzen die Chinesen auf Joint Venture, Firmenaufkäufe, um an das Know How zu kommen. An Geld mangelt es nicht.

30 Mrd. Kredite für Huawei vom Staat

Zurück zu Huawei. Huawei wurde 1988 von Ren Zhengfei, einem ehemaligen Offizier der Volksbefreiungsarmee, gegründet. Heute beschäftigt das Unternehmen 95.000 Mitarbeiter weltweit. Vor Kurzem hatte Huawei seine Europazentrale von London nach Düsseldorf verlagert. Peking fördert das Unternehmen mit gewaltigen Summen, darunter eine Kreditlinie in Höhe von 30 Mrd. Dollar, die bei vielen Kunden wie ein Türöffner wirkt. Huawei kann es sich leisten, seinen Kunden langfristige Kredite zu gewähren, so dass ihnen ein Ausbau ihrer Netze auch bei klammen Kassen möglich ist.

Mehr als zehn Prozent des Umsatzes investiert Huawei nach eigenen Angaben in die Forschung. Fast die Hälfte der 95.000 Mitarbeiter arbeitet in der Produktentwicklung. Insgesamt betreibt Huawei 17 Forschungs- und 22 Innovationszentren rund um den Globus.

Selbstaufgabe und Corps Geist

Doch wie geht es den Mitarbeitern? Experten erklären den weltweiten Erfolg des Unternehmens – außer mit den Kampfpreisen – vor allem mit dem aggressiven Auftreten nach außen wie nach innen. Der Corps-Geist steht nach dem Willen des Huaweigründers Ren Zhengfei und Ex-Militärs an vorderster Stelle. Ren versteht sein Tun vor allem als militärischen Eroberungsfeldzug, Opfer inbegriffen. Wer bei Huawei arbeitet, gab Ren schon vor Jahren als Parole heraus, müsse den „Geist der Wölfe“ in sich tragen, dazu zähle eine feine Nase, ein Überlebensinstinkt und die Bereitschaft zur Selbstaufopferung. Als in China ein neues Arbeitsgesetz in Kraft trat, das Unternehmen verpflichtete, Mitarbeiter, die mindestens 10 Jahre im Unternehmen beschäftigt sind, unbefristet anzustellen, drängte Ren seine 7000 davon betroffenen Mitarbeiter dazu, zu kündigen. Er stellte sie mit einem neuen Arbeitsvertrag wieder ein. Die meisten folgten dieser Aufforderung.

Arbeiten rund um die Uhr ist bei Huawei eine Selbstverständlichkeit. So bekamen bis vor kurzem Mitarbeiter bei Firmeneintritt eine dünne Matratze geschenkt. Auf dieser konnten sie dann nach einem langen Arbeitstag unter dem Schreibtisch übernachten. Erst als 2006 ein Mitarbeiter nach mehrfachen Klagen über Erschöpfung an Hirnhautentzündung starb, verbot das Management die Matten. In der Praxis lebt die Kultur aber weiter, erzählen ehemalige Mitarbeiter.

Ob Matten in der Firma oder nicht, auf die Gesundheit wird keine Rücksicht genommen. Es gilt eine eiserne Regel bei Huawei „Die Mitarbeiter müssen immer ans Handy gehen – bei Tag und bei Nacht. Der Kunde geht vor. Das hält nicht jeder aus.

Im März 2008 brachten sich binnen weniger Tage zwei Huawei-Angestellte durch einen Sturz vom Dach der Konzernzentrale um. Insgesamt 38 Todesfälle mit unnatürlicher Ursache hat es seit der Gründiung des Unternehmens bei Huawei gegeben.

Der Firmenchef Ren Zhengfei macht sich inzwischen Gedanken darüber. „Bei Huawei verüben Mitarbeiter weiter Selbstmorde oder verstümmeln sich selbst“, schrieb er in einen Brief an den KP-Sekretär. „Außerdem leiden immer mehr Angestellte an Depressionen und Angstzuständen. Was können wir tun, damit unsere Mitarbeiter eine positivere und offenere Einstellung gegenüber dem Leben haben. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, aber mir ist noch nichts eingefallen.“ Ein menschliches Armutszeugnis.

Geheimdienste warnen vor Einsatz von Huawei-Technik

Es kursieren Gerüchte, dass Huawei enge Kontakte zum chinesischen Militär und Geheimdienst unterhält. Die US-Amerikaner haben darauf reagiert. Als die Chinesen 2,2 Mrd US Dollar für die Übernahme des amerikanischen Telekommunikationsausrüsters 3Com boten, erklärte der US-Senat, dass er in der Übernahme durch Huawei eine Bedrohung für Amerikas nationale Sicherheit sehen würde. Huawei sah sich gezwungen, das Angebot wieder zurückzuziehen. In den USA helfen auch die Kampfpreise nicht. Huaweis Marktanteil liegt dort weiter im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Auch deutsche Geheimdienste beobachten Huawei skeptisch und warnen vor dem Einsatz von Huawei-Technik im sicherheitskritischen Bereichen. Chinesische Spione könnten in die Netze eindringen, ohne dass es auffällt, heißt es. Doch die Deutschen lockt das Geld, Sicherheitsbedenken werden über Bord geworfen, wenn der Preis stimmt. Als einer der Ersten setzte das Deutsche Forschungsnetz (DFN), das Universitäten und Forschungseinrichtungen miteinander verbindet, Huawei-Technik ein, obwohl das Kanzleramt Sicherheitsbedenken vorbrachte. Der Preis war einfach zu gut.

Wirtschaft und Menschenrechte

Der Preis war einfach zu gut. Der Westen muss sich fragen lassen, ob er für einen guten Preis bereit ist, seine Freiheit zu verkaufen. Immerhin herrscht in China politisch eine kommunistische Diktatur, das wird gerne übersehen, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht. Menschenrechte zählen in China nichts, freie Meinungsäußerung wird brutal unterdrückt, wenn sie sich gegen das herrschende Regime richtet. Es ist die Telekommunikation und die vernetzte Technik, die die Welt miteinander verbinden. Wer die Telekommunikation in der politischen Hand hält, hält Macht in der Hand. Es ist ein militärischer Eroberungszug, so sieht Ren Zhengfei, das Expansionsstreben seines Unternehmens.

Wollen wir wirklich unsere Kommunikationsnetze mehr und mehr in die Hand eines diktatorischen Regimes legen, nur weil der Preis gut ist? Die politischen Folgen könnten erst in Jahrzehnten spürbar sein, denn niemand kann garantieren, dass China neben einer wirtschaftlichen Entwicklung auch eine demokratische Entwicklung durchmacht. Anzeichen für letzteres gibt es von Seiten des chinesischen Staates nicht. China ist das Land mit den meisten Hinrichtungen, viele darunter wegen geäußerter, nicht staatskonformer Meinung.