Hartz IV – trotz Job

05.05.2010 von Inken Wanzek

Immer mehr deutsche Arbeitnehmer verdienen so wenig, dass sie ergänzendes ALG II beantragen müssen.

Leiharbeit

Am härtesten trifft es die Leiharbeitnehmer. 11,2 Prozent der Leiharbeiter können, obwohl sie Vollzeit beschäftigt sind, von ihrem Gehalt nicht leben und sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Dies ergaben Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit.

Zunahme nicht existenzsichernder Arbeit

Insgesamt stieg die Quote der sozialversicherungspflichtigen Berufstätigen, die ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken müssen. DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy bestätigt gegenüber FOCUS Online, dass die „nicht existenzsichernde Arbeit“ zugenommen hat. 

Als 2005 die Arbeitsmarkt Reform Hartz IV eingeführt wurde lag die Aufstocker-Quote bei nur 1,5 Prozent. Im September 2009 lag sie bereits bei 2,6 Prozent. Damit sind 1,3 Mio. Menschen trotz Job abhängig von staatlicher Unterstützung. Diese Lohnsubvention, die den Unternehmen zugute kommt, kostet den Staat 10,9 Mrd. Euro pro Jahr.

In Ostdeutschland ist das Risiko, dass der Lohn nicht reicht, doppelt so hoch wie im Westen. In Bayern wiederum werden weitgehend existenzsichernde Gehälter gezahlt – nur 1,2 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten stocken hier ihren Lebensunterhalt auf. In Sachsen-Anhalt hingegen benötigen 5,5 Prozent der Arbeitnehmer finanzielle Hilfe.

Zusätzlich sei, so Adamy die Zahl derjenigen, die durch Zweit- oder Drittjobs ihre Existenz sichern und somit auf Hartz-IV-Bezüge verzichten, gestiegen. Das belegt auch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Dabei hätten die Zahlen der Aufstocker eigentlich sinken müssen. Denn durch die Neuregelung des Kinderzuschlags im Oktober 2008 und durch die Verbesserung im Wohngeld zum Beginn 2009 sind einige zehntausend Haushalte nicht länger auf die Grundsicherung angewiesen. Sie beziehen stattdessen nun die vorrangigen Leistungen, also Kinderzuschlag plus Wohngeld.

Mindestlohn

Etwa die Hälfte der Aufstocker Löhne unter 7,20 Euro pro Stunde erhält. Durch die Einführung von Mindestlöhnen in weiteren Branchen könne Adamy zufolge auch vermieden werden, dass der Staat weiterhin milliardenschwere Finanzspritzen an die Aufstocker verteilen muss. „Es kann nicht angehen, dass Bund und Kommunen einzelne Branchen subventioniert, die Dumpinglöhne zahlen“, sagt Adamy. Dass jede zehnte Leiharbeitsstelle staatlich gefördert werden muss, sei nicht weiter tragbar.

Vollzeitstellen rückläufig

Doch es liegt nicht allein am Lohn, der gezahlt wird. Zunehmend ist zu beobachten, dass Vollzeitstellen rückläufig sind und vor allem im dienstleistenden Gewerbe zunehmend Teilzeitstellen geschaffen werden. Etwa die Hälfte der Aufstocker arbeitet in Minijobs. Der Wandel von Voll- zu Teilzeitbeschäftigungen und dem Aufkommen des Niedriglohnsektors ist ein langfristiger Trend. Die aktuelle Zunahme an Aufstockern kann auch darauf zurückzuführen sein, dass zunächst zwei Einkommen da waren, ein Arbeitsplatz weggefallen ist, sodass man nun auf die Sozialleistungen angewiesen ist.

Die Tatsache, dass immer mehr Menschen von ihrem Gehalt nicht leben können, relativieren die positiven Meldungen der Arbeitslosenstatistik, ganz abgesehen davon, dass man nach wie vor krampfhaft jeden herausrechnet, der sich beispielsweise in Weiterbildungsmaßnahmen befindet oder im Auftrag der Agentur für Arbeit von privaten Jobvermittlern betreut wird oder über 50 ist und über einen längeren Zeitraum nicht vermittelt werden konnte oder gerade einen 1€ Job macht oder …