10:54, die E-Mail ist angekommen

04.04.2012 von Christine Rosenboom

Ich weiß es ja schon seit Montagabend: Ja, die IG Metall hat auch mich auf die Negativliste setzen lassen. Auch wenn ich schon länger gesagt hatte, dass ich mir genau das wünsche, schließlich eröffnet mir das diverse juristisch interessante Klagemöglichkeiten, wie beispielsweise den nachträglichen Widerspruch, beginnt jetzt die Zeit des Nachdenkens.

Ich habe mich entschlossen, erstmal auf das schriftliche beE-Angebot zu warten. Ein paar Kollegen gehen los zur Betriebsversammlung. Ich spar mir das. NSN ist mein Vertragspartner. Ich will jetzt was Schriftliches sehen und dann beginnt die Zeit der Anwälte. Die Zeit des Betriebsrates und der unerträglichen Gewerkschaft ist vorbei.

Ich schicke erstmal eine E-Mail an meinen Chef und teilte ihm mit, dass ich ab nächste Woche nicht mehr da sein werde. Ich nehme meine 10 Urlaubstage, da ich in der beE kein Urlaubsgeld bekomme und baue meine Plusstunden ab. Denn was soll ich in der beE mit einem Zeitguthaben anfangen? Versteht er, und macht sich Sorgen darum, wie es denn jetzt mit meinen Aufgaben weitergehen würde. Um ehrlich zu sein, das sehe ich nicht so wirklich als mein Problem an. Da müsste er mal das NSN-Management fragen, was es sich dabei gedacht hat.

E-Mail von der Geschäftsleitung gelesen (nur auf Englisch – war wohl zuviel verlangt, die auf deutsch zu übersetzen) – um 11 Uhr werden E-Mails verschickt, in denen man uns mitteilen wird, wer ein beE-Angebot bekommt und wer bleiben soll – darf – muss.

Als ich anfange, meine Unterlagen zu sortieren und alte Spezifikationen wegzuwerfen, sagt ein Kollege: „Jetzt wart doch erstmal ab, vielleicht bekommst du das Angebot ja gar nicht.“ Ich antworte: „Wer sollte mich denn von der Liste wieder runter nehmen?“ Ich gehe erstmal Tee kochen.

Die Kollegen kommen von der Betriebsversammlung zurück. Sie finden es unverschämt, dass der endgültige Sozialtarifvertrag erst nächste Woche fertig unterschrieben und veröffentlicht werden soll. Jemand hat nachgefragt, wie denn die Sozialauswahlkriterien waren. Der Betriebsrat weiß es nicht. Wie bitte? Der angekündigte Rechtsanwalt des Betriebsrats, Rüdiger Helm, hat sich gedrückt. Einer sagt „der wollte wohl keine unangenehme Fragen beantworten müssen“. Immer wieder flammen Diskussionen über den empfundenen Verrat des Betriebsrats und vor allem der IG Metall an der Belegschaft auf.

Und dann ist es soweit – 10:54 Uhr – die E-Mail ist angekommen. Betreff: „Angebot zum Wechsel in die Nokia Siemens Networks Transfergesellschaft mbH“. Ich: „So jetzt ist sie da“. Eine Kollegin – gerade hatte sie noch mit Portugal telefoniert, um wichtige Fragen zur Softwarearchitektur zu beantworten – völlig fassungslos: „Ich hab sie auch!“.

Dann arbeitet keiner mehr. Entsetzen und Empörung breiten sich aus. Überall stehen Kollegen zusammen und reden. Man muss das verarbeiten. Alle versuchen nachzuvollziehen, wie das mit der Sozialauswahl abgelaufen ist. Es ist nicht zu verstehen. In den Softwareabteilungen müssen 6 von 8 Frauen gehen. Software Engineering bleibt vom Abbau verschont. Na gut, die haben ihre letzte Frau ja auch schon beim letzten Personalabbau in die beE vergrault. Bleiben nur noch zwei Alibifrauen übrig, von denen eine nicht abgeneigt gewesen wäre, in die beE zu gehen, und die deutlich schlechtere Sozialkriterien hat als die Kolleginnen. Haben die Machos im Management es also endlich geschafft, die Frauenquote im Fußvolk an die im Management anzugleichen. So herum war das mit der Frauenquote eigentlich nicht gedacht.

Ich schicke die E-Mail mit Interessenausgleich und Sozialtarifvertrag erstmal an meinen Anwalt. Dann versuche ich die Vereinbarungen zu lesen. Unmöglich, der Trubel im Büro wird mir zuviel. Habe Hunger, gehe mit ein paar Kollegen essen.

Die Kollegin, die mit Portugal telefoniert hat, ist fertig. Ich sehe, aus dem Fenster der Kantine, wie sie geht. Muss morgen mit ihr reden. Buche ein „beE consultation appointment“, was auch immer das sein mag, für Mittwoch, sodass ich anschließend mit den Kollegen Mittagessen gehen kann. Stelle fest, dass es am Donnerstagvormittag auch noch eine beE-Infoveranstaltung gibt. Das artet noch in Stress aus. Beschließe, dass ich da auch mit den Kollegen essen gehen werde, dann brauch ich wenigstens nicht zu kochen.

Wieder ein Anruf – die nächste, die in die beE soll. Neben meinem Schreibtisch wartet auch noch jemand. Ein Kollege lässt sich meine private E-Mail Adresse geben. Auf dem Flur sagt jemand, die ATZler haben das große Los gezogen. Die Leute, die in die beE dürfen, sind wenigstens für drei Jahre abgesichert. Aber wir, die wir übergehen müssen, dürfen weiter zittern.

14:30 Uhr für heute reicht es.