Schefflera oder Wasserkocher?

10.04.2012 von Christine Rosenboom

Donnerstagmorgen, ich will heute nicht lange bleiben, kann meine Plusstunden ohnehin nicht mehr alle abbauen bis Ende April. Außerdem wird das Telefon nicht mehr still stehen, und ich bin im Moment nicht in der Stimmung, Anrufe entgegen zu nehmen. Muss selbst erstmal Informationen sammeln und analysieren. Es ist schwierig, sich darauf zu konzentrieren, wenn man mit Emotionen anderer überschwemmt wird. Ich brauche Zeit zum nachdenken…

Ich setze meine Aufräumaktion fort. Sortieren und Wegwerfen bzw. Löschen von Daten und Unterlagen, die sich im Laufe der vergangenen 27 Dienstjahre angesammelt haben, kostet mehr Zeit, als ich glaubte. Ich will noch meine persönlichen Daten sichern, der Gehaltszettel für April ist natürlich noch nicht da, der Sozialversicherungsnachweis auch noch nicht. Gibt es heute alles elektronisch, aber Ende des Monats bin ich im Urlaub, dann habe ich keinen Zugriff mehr. Muss der PA sagen, dass sie mir das nach Hause schicken sollen.

10 Uhr, die Kollegen gehen zum ON Townhall Meeting mit Herbert Merz. Manche wählen sich auch einfach in die Telco ein. Ich will das nicht mehr hören, nachdem monatelang überhaupt nichts kommuniziert wurde, werde ich jetzt ohnehin mit Informationen überschwemmt. Damit bin ich genug beschäftigt.

Telefoniere mit meinem Anwalt. Er ist nicht besonders erfreut, dass er am Karfreitag dieses Vertragswerk studieren darf. Ich auch nicht…

Beantworte zwischendurch zur Entspannung ein paar E-Mails von Kollegen, die auch gehen sollen. Einmal gehe ich sogar ans Telefon. Dann sinniere ich darüber, ob ich meine Schefflera oder meinen Wasserkocher und die Teekanne zuerst mit nach Hause nehmen soll. Kann mich noch nicht dazu durchringen, die Bilder an der Wand abzunehmen. Irgendwie komisch, was für unwichtigen Dinge einem manchmal durch den Kopf gehen. Vertage die Entscheidung auf Nachmittag.

11:10 Uhr, E-Mail von HRConnection „Muster des Vertragsangebots zur Information“ kommt an. Leider fehlt immer noch der Ergänzungs-Transfer- und Sozialtarifvertrag für die IGM-Privilegien. Ich leite den Vertrag an meinen Anwalt weiter und beginne selbst, ihn zu lesen.

Ich bin erst zur Hälfte durch, als die Kollegen zurückkommen. Einer hat sich besonders aufgeregt und nachgefragt, wie die Sozialauswahl bei ON durchgeführt wurde. Wie es sein kann, dass es 6 von 8 Frauen in den Softwareabteilungen trifft, auch alleinerziehende Mütter. Man habe, so Herbert Merz, die Funktionen rausgesucht, die möglichst schnell transferierbar sind. Das hätte er besser nicht gesagt, das kommt gar nicht gut an bei den Mitarbeitern. Die Hilfsbereitschaft ist groß.

Zwischendurch befällt mich fast ein schlechtes Gewissen, weil ich die Kollegen alleine zurücklassen muss. Aber es war nicht meine Wahl, nicht ich habe mich nicht auf die Liste setzen lassen. Also gehe ich erst einmal mit den Kollegen essen.

Der Chef vom Chef (=LMM auf Neuhochdeutsch) ist in meinem Büro, als ich zurück komme. Sagt, er will mit mir reden, wie mit den anderen auch, die auf der Liste sind. Ich sage: “Nun ja, was soll ich dazu sagen?” Er hat auch keine Worte dafür. Er sieht ein bisschen blass aus, als er wieder geht.

Andauernd läutet das Telefon – Anrufe aus Portugal. Mein Chef will noch, dass ich der portugiesischen Kollegin, die in Zukunft Teile meiner Arbeit machen soll, eine E-Mail beantworte und die Änderungen, an denen ich zuletzt gearbeitet habe, einchecke. Das wird ihr nicht viel nützen, aber meinetwegen, kann er haben. Das war meine letzte Aktion für das Projekt.

Siedend heiß fällt mir plötzlich die Betriebsrente ein. Wie war das noch? Finde meine Unterlagen nicht mehr. Peinlich, es ist das erste Mal seit 2003, dass mein Archiv versagt. Eine Kollegin sagt, du hast doch mal in unseren Teammeetings einen Vortrag über die betriebliche Altersvorsorge gehalten. Die Unterlagen hast du per E-Mail an uns geschickt. Stimmt, jetzt, wo sie es sagt… Sie forwarded mir meine E-Mail von damals.

Ein paar Kollegen fragen nach einem Anwalt. Ich empfehle ihnen meinen. Andere wollen meine private E-Mail-Adresse, damit wir in Verbindung bleiben. Sie bekommen sie natürlich. Dann noch ein paar Verabredungen zum Mittagessen nächste Woche, wenn ich zum beE-Beratungsgespräch und zur beE-Infoveranstaltung nach München komme. Jemand schlägt vor, wir sollten uns wenigstens einmal pro Monat im Biergarten treffen. Stammtisch – gute Idee. Machen wir.

Donnerstagnachmittag, es ist doch später geworden. Blöd gelaufen – habe Plusstunden gemacht, anstatt sie abzubauen.